Der östlichste Außenposten zwischen Byzanz, Aragon und dem offenen Meer
Kaum eine italienische Kleinstadt trägt so viel Geschichte auf so wenigen Quadratmetern. Als griechisches Hydruntum war Otranto Brückenkopf zwischen Italien und dem Osten, unter Byzanz blieb es jahrhundertelang dessen westlicher Vorposten – griechischer Ritus, griechische Schrift, griechische Mönche. 1480 dann die Katastrophe, die die Stadt bis heute definiert: Eine osmanische Flotte unter Gedik Ahmed Pascha eroberte Otranto, rund 800 Männer, die die Konversion verweigerten, wurden auf dem Hügel der Minerva enthauptet. 2013 sprach Papst Franziskus die Märtyrer von Otranto heilig; ihre Gebeine sind in einer Kapelle der Kathedrale aufgebahrt – ein Anblick, der niemanden kalt lässt.
Das größte Wunder der Stadt liegt am Boden. Zwischen 1163 und 1165 ließ der Basilianermönch Pantaleone das gesamte Kirchenschiff der Kathedrale mit einem Mosaik auslegen: ein gewaltiger Lebensbaum, in dessen Ästen sich Adam und Eva, Alexander der Große, König Artus, Tierkreiszeichen und Fabelwesen zu einer mittelalterlichen Weltdeutung verweben. Dass dieses Bilderbuch aus Stein die Belagerung von 1480 überstanden hat, grenzt an ein Wunder – die Krypta darunter, ein Säulenwald aus antiken Spolien, gehört gleich mit zum Pflichtprogramm. Ein paar Gassen weiter duckt sich die byzantinische Chiesa di San Pietro mit ihren Fresken zwischen die weißen Häuser.
Und dann ist Otranto eben auch Salento: Abends füllt die Passeggiata die Gassen und die Bastionen, in den Lokalen kommen Seeigel, roher Fisch und hausgemachte Pasta auf den Tisch, dazu Negroamaro und Primitivo aus dem Hinterland. Tagsüber locken die Strände – die Baia dei Turchi hinter ihrem Pinienwald im Norden, die wilden Felsbuchten Richtung Punta Palascìa im Süden. travelperfect empfiehlt, die Kathedrale gleich morgens zu besuchen, die Mittagshitze am Wasser zu verbringen und den Abend auf der Stadtmauer ausklingen zu lassen, wenn das Meer von Türkis zu Tinte wechselt.
