◆ REGION · ITALIEN
Kaum eine Mittelmeerinsel wird so hartnäckig mit der Karibik verglichen – und kaum ein Vergleich greift so kurz. Ja, an der Costa Smeralda und um Villasimius leuchtet das Wasser in einem Türkis, das man dem Mittelmeer kaum zutraut, und der Sand der Spiaggia del Principe ist puderfein. Aber Sardinien beginnt erst hinter den Stränden: bei den rund 7.000 Nuraghen, den bronzezeitlichen Steintürmen, von denen Su Nuraxi bei Barumini zum UNESCO-Welterbe zählt; in den Bergdörfern der Barbagia, wo der Cannonau reift und auffallend viele Menschen über hundert werden; in Alghero, wo man bis heute Katalanisch spricht. Dazwischen liegen die Kalkwände des Supramonte, die einsamen Buchten des Golfo di Orosei, das Hirtenhochland des Gennargentu – und Cagliari, das vom Castello-Hügel seit Phönizier-Zeiten über den Golfo degli Angeli wacht.

Sardinien war schon alt, als Rom noch jung war. Zwischen etwa 1600 und 1000 v. Chr. errichtete die Nuraghen-Kultur ihre kegelförmigen Türme aus tonnenschweren Steinquadern – rund 7.000 stehen noch heute in der Landschaft, oft einfach am Straßenrand zwischen Schafweiden. Der mächtigste Komplex, Su Nuraxi bei Barumini, ist seit 1997 UNESCO-Welterbe und zeigt, wie aus einem Wehrturm ein ganzes Dorf wuchs. Danach kamen alle, die das Mittelmeer je befahren haben: Die Phönizier gründeten Tharros auf der Sinis-Halbinsel und Nora bei Pula, Römer und Byzantiner folgten, Pisa und Genua stritten um die Häfen, ehe die Krone von Aragón die Insel jahrhundertelang prägte. Ihr sichtbarstes Erbe ist Alghero – die Einheimischen nennen es „Barceloneta“, das kleine Barcelona: Die Straßenschilder sind bis heute zweisprachig, und in den Gassen hinter den Bastionen wird ein altertümliches Katalanisch gesprochen.
Die Geografie hat aus der zweitgrößten Insel des Mittelmeers viele Inseln gemacht. Im Nordosten schleift der Wind den Granit der Gallura zu Skulpturen – am Capo Testa, an der Roccia dell'Orso über Palau und im Archipel von La Maddalena, dessen Inselwelt heute Nationalpark ist; die rosafarbene Spiaggia Rosa auf Budelli steht unter so strengem Schutz, dass man sie nur noch vom Boot aus betrachten darf. Dass ausgerechnet hier Fürst Karim Aga Khan 1962 die Costa Smeralda begründete, bescherte der Küste Jachthäfen wie Porto Cervo und der Welt einen Inbegriff des Jetset-Sommers. Ganz anders der Osten: Im Supramonte schneidet die Gola Su Gorropu ihre mehrere hundert Meter hohen Kalkwände ins Gebirge, und am Golfo di Orosei reihen sich Buchten wie Cala Luna und Cala Goloritzé, die nur zu Fuß oder per Boot erreichbar sind. Dahinter steigt der Gennargentu auf 1.834 Meter – im Winter liegt dort oben Schnee.
Das eigentliche Sardinien aber liegt im Inneren. In der Barbagia erzählen die Murales von Orgosolo auf den Hausfassaden von Protest und Dorfgeschichte, in Mamoiada ziehen im Winter die düsteren Mamuthones mit ihren Glockenpanzern durchs Dorf, und der gutturale Canto a tenore der Hirten zählt seit 2005 zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Die Ogliastra und die Bergdörfer ringsum gehören zu den wenigen „Blauen Zonen“ der Erde, in denen auffallend viele Menschen ihren hundertsten Geburtstag erleben – die Einheimischen schreiben das gern dem Cannonau zu, dem gerbstoffreichen roten Inselwein. Dazu kommt eine Küche der Hirten und Fischer: Porceddu, das knusprige Spanferkel, hauchdünnes Pane carasau, Culurgiones mit Kartoffel-Minz-Füllung, Bottarga von der Sinis-Halbinsel und zum Abschluss Seadas mit jungem Käse und bitterem Corbezzolo-Honig – begleitet vom Vermentino di Gallura, Sardiniens einziger DOCG-Lage.
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02 · Themen-Routen
Jetset & Granit
Der Küstenstrich, den Fürst Karim Aga Khan 1962 zum exklusivsten Sommerziel des Mittelmeers machte: In Porto Cervo liegen die Jachten dichter als anderswo die Autos, an der Spiaggia del Principe leuchtet das Wasser smaragdgrün zwischen rosa Granit. Per Boot geht es weiter in den Nationalpark des La-Maddalena-Archipels mit seinen Granitinseln und Badebuchten – die Spiaggia Rosa auf Budelli ist streng geschützt und nur vom Wasser aus zu sehen. Den Schlusspunkt setzt Capo Testa bei Santa Teresa Gallura: vom Wind verschliffene Felsskulpturen, und am Horizont die weißen Kalkklippen von Bonifacio auf Korsika.
Die wilde Ostküste
Zwischen Cala Gonone und Santa Maria Navarrese fällt der Supramonte als helle Kalkmauer ins Meer – eine Küste ohne Straße, deren Buchten man nur zu Fuß oder per Boot erreicht: Cala Luna mit ihren Grotten, Cala Mariolu mit Kieseln wie Zuckermandeln und die Felsnadel der Cala Goloritzé, die vielen als schönster Strand Italiens gilt. Im Hinterland wartet die Gola Su Gorropu, deren senkrechte Wände mehrere hundert Meter aufragen – eine der tiefsten Schluchten Europas –, und in den Weinbergen um Dorgali und Oliena reift der Cannonau.
Katalanischer Westen
Alghero ist Sardiniens katalanisches Kapitel: Hinter den Bastionen am Meer wird noch Alguerès gesprochen, in den Werkstätten wird die rote Koralle der Riviera del Corallo zu Schmuck verarbeitet. Vor der Stadt ragt das Kap Capo Caccia auf, an dessen Fuß die Tropfsteinhöhle Grotta di Nettuno liegt – per Boot erreichbar oder über die 654 Stufen der Escala del Cabirol. Die Küstenstraße nach Süden gehört zu den schönsten Italiens und endet in Bosa, wo sich Pastellhäuser am Fluss Temo unter der Burg Malaspina stapeln. Nach Norden lockt bei Stintino La Pelosa: flaches, türkises Wasser vor einem alten Wachturm.
Nuraghen & Barbagia
Die Route ins Innere führt 3.500 Jahre zurück: Su Nuraxi bei Barumini ist der größte Nuraghen-Komplex der Insel und UNESCO-Welterbe, auf dem Basaltplateau der Giara di Gesturi nebenan leben halbwilde Pferde. Weiter östlich beginnt die Barbagia: Orgosolo trägt seine Geschichte als Murales auf den Hausfassaden, in Mamoiada erzählt das Maskenmuseum von den Mamuthones, und im Herbst öffnen die Dörfer bei „Autunno in Barbagia“ ihre Höfe und Keller. Dazu Pecorino, Cannonau und der mehrstimmige Canto a tenore – Sardinien, wie es lange vor dem Tourismus war.
03 · Wann
Sardinien hat ein klassisches Mittelmeerklima mit einem langen Badesommer – das Meer ist von Juni bis weit in den Oktober warm, und im Hochsommer macht der Maestrale die Hitze an der Küste erträglich. Die beste Reisezeit liegt an den Rändern der Saison: Im Mai und Juni blüht die Macchia und die Strände sind noch leer, im September verbindet sich warmes Wasser mit sinkenden Preisen. Der August gehört den italienischen Ferien – dann sind Costa Smeralda und Südküste voll, und Fähren wie Strandhotels kosten Spitzenpreise.
✦ Vom Reiseziel zum Tagesplan
Sardinien ist die zweitgrößte Insel des Mittelmeers, und ihre schönsten Orte liegen weit auseinander – zwischen Cagliari und der Costa Smeralda liegen gut drei Autostunden über kurvige Straßen. Unser Reiseplaner bringt Ordnung in die Insel: Er wählt den passenden Flughafen (Cagliari für den Süden, Olbia für die Costa Smeralda, Alghero für den Westen), prüft, ob Fähre oder Flug besser zu deiner Route passt, plant Strandtage nach Wind und Andrang und legt die Bootstour am Golfo di Orosei auf einen ruhigen Tag. Sag uns, worauf du Lust hast – Buchten und Jachthäfen im Norden, Nuraghen und Bergdörfer im Inneren oder Stadtleben und Flamingos in Cagliari – und travelperfect entwirft daraus einen Tag-für-Tag-Plan mit echten Orten, Stränden und Wegen.
· Praktisch
04 · Häufige Fragen
Eine Woche reicht gut für eine Inselregion – etwa den Nordosten mit Costa Smeralda, La Maddalena und Santa Teresa Gallura oder den Süden um Cagliari und Villasimius. Wer die Insel wirklich queren will – von Alghero über die Barbagia an den Golfo di Orosei –, sollte zehn Tage bis zwei Wochen rechnen. Sardinien ist die zweitgrößte Insel des Mittelmeers, die Straßen sind kurvig, und die Distanzen werden gern unterschätzt.
Praktisch ja. Bahn und Überlandbusse verbinden zwar Cagliari, Oristano, Sassari und Olbia, doch die schönsten Strände, die Nuraghen und die Bergdörfer der Barbagia liegen abseits jeder Linie. Ein Mietwagen ab dem Ankunftsflughafen ist die übliche Wahl – im Sommer früh buchen, die Flotten sind begrenzt. Als langsame Panorama-Alternative erschließt der historische Trenino Verde in der Saison einzelne Strecken des Hochlands.
Am schnellsten per Direktflug nach Cagliari (CAG), Olbia (OLB) oder Alghero (AHO) – alle drei werden im Sommer aus Deutschland angeflogen. Wer das eigene Auto, Campingausrüstung oder viel Gepäck mitnehmen will, nimmt die Fähre: ab Genua, Livorno oder Civitavecchia nach Olbia, Golfo Aranci, Porto Torres oder Cagliari, viele Verbindungen über Nacht mit Kabine. In der Hochsaison gilt für beides: deutlich früher buchen als auf dem Festland üblich.
Die berühmtesten Buchten liegen am Golfo di Orosei – Cala Goloritzé, Cala Mariolu und Cala Luna, alle nur zu Fuß oder per Boot erreichbar – und an der Costa Smeralda, etwa die Spiaggia del Principe. La Pelosa bei Stintino bietet karibisch flaches Türkiswasser, ist im Sommer aber reservierungspflichtig. Lang und familienfreundlich sind der Poetto bei Cagliari und die Strände um Villasimius am Capo Carbonara. Im Sommer lohnt der Blick auf die Windrichtung: Bei Maestrale ist die Ostküste meist die ruhigere Seite.
Nuraghen sind kegelförmige Türme aus der Bronzezeit, zwischen etwa 1600 und 1000 v. Chr. ohne Mörtel aus mächtigen Steinblöcken geschichtet – rund 7.000 sind erhalten, man passiert sie auf Sardinien ständig am Straßenrand. Das Pflichtprogramm ist Su Nuraxi bei Barumini, der größte und besterforschte Komplex, seit 1997 UNESCO-Welterbe und nur mit Führung zu besichtigen. Sehenswert sind außerdem der Nuraghe Santu Antine bei Torralba und der bronzezeitliche Brunnentempel Santa Cristina bei Paulilatino.
Die Küche der Hirten und Fischer: Porceddu, das langsam über dem Feuer gegrillte Spanferkel, hauchdünnes, knuspriges Pane carasau, Culurgiones – gefüllte Teigtaschen mit Kartoffeln, Pecorino und Minze – und an der Küste Fregola mit Muscheln. Aus dem Meer kommen Bottarga, der gesalzene Meeräschen-Rogen von der Sinis-Halbinsel, und Langusten in Alghero. Zum Abschluss Seadas: frittierte Teigtaschen mit jungem Käse und bitterem Corbezzolo-Honig. Dazu ein Glas Cannonau – oder Vermentino di Gallura, Sardiniens einzige DOCG-Lage.
05 · Weiter im Land
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