Wer Otranto kennt und dennoch das Gefühl hat, die Küste noch nicht wirklich gesehen zu haben, fährt nordwärts. Wenige Kilometer hinter der Altstadt öffnet sich eine Landschaft, die man in Apulien so nicht erwartet: dichte Macchia, Sandpisten durch Kiefernwälder und schließlich ein Strand, der aussieht, als hätte ihn jemand aus der Karibik hierher versetzt. Die Baia dei Turchi – wörtlich die Bucht der Türken – verdankt ihren Namen der osmanischen Landung von 1480, als türkische Truppen genau hier an Land gingen, bevor sie Otranto einnahmen. Diese historische Schwere ist heute kaum zu spüren, wenn man barfuß durch den puderfein gemahlenen Quarzsand läuft und das türkisfarbene Wasser des Ionischen Meers vor sich hat.
Der Weg zum Strand führt zu Fuß durch einen Pinien- und Macchiawald – kein Parkplatz direkt am Meer, keine Strandbar, die den Blick verstellt. Diese bewusste Entschleunigung ist Programm: Das Gebiet liegt innerhalb eines Naturschutzbereichs, was Bebauung und Massentourismus bis heute verhindert hat. Wer morgens früh aufbricht, hat die Bucht für sich allein; zur Mittagszeit füllt sie sich, bleibt aber selbst im Hochsommer überschaubar.
Nördlich davon liegen die Laghi Alimini, zwei miteinander verbundene Seen direkt hinter der Küstendüne. Der Lago Alimini Grande ist Süßwasser, der kleinere Lago Alimini Piccolo brackig – beide sind von Schilf und Pinienwald gesäumt und bieten Lebensraum für Reiher, Flamingos und Zugvögel. Kajakfahrer und Naturbeobachter kommen hier auf ihre Kosten, während Familien den flachen Uferbereich schätzen. Zwischen den Seen und dem Meer liegt ein Campingbereich mit einfacher Infrastruktur – Duschen, Snackbars, Fahrradverleih – der das Gebiet auch für längere Aufenthalte tauglich macht.
Das Gebiet ist kein klassisches Stadtviertel mit Cafés und Boutiquen, sondern ein Naturraum, der zum Entschleunigen einlädt. Wer hier übernachtet – sei es im Zelt, in einer Ferienwohnung im nahen Wald oder in einem der kleinen Resorts an der Küstenstraße – erlebt Apulien ohne Kulisse: rau, still und von einer Schönheit, die keine Inszenierung braucht.

Baia dei Turchi
Hinter einem Pinienwald nördlich von Otranto öffnet sich die Baia dei Turchi: heller Sand, niedrige Kalkfelsen und ein Türkis, das regelmäßig in Listen der schönsten Strände Italiens auftaucht.
Türkises Wasser, regelmäßig unter Italiens schönsten Stränden gelistet