Der Hof der Este und seine gedachte Stadt vom Festungsbau gegen das eigene Volk zur ersten geplanten Stadt der Neuzeit
Ferrara war nie römisch – die Stadt entstand im Frühmittelalter an einem Arm des Po und wurde unter den Este zu einem der glanzvollsten Höfe Europas. Von 1264 bis 1598 regierte die Familie, holte Maler wie Cosmè Tura, Francesco del Cossa und Ercole de' Roberti an den Hof – die sogenannte Officina ferrarese –, dazu Dichter wie Ariosto und Tasso. Lucrezia Borgia heiratete 1502 den späteren Herzog Alfonso I. d'Este und hielt hier bis zu ihrem Tod Hof. Das Castello Estense, 1385 als Festung gegen die eigene aufständische Bevölkerung begonnen, wuchs in dieser Zeit zur Residenz mit hängenden Gärten und freskierten Sälen.
Der eigentliche Coup gelang Herzog Ercole I., als er die Stadt ab 1492 nach Norden verdoppeln ließ. Sein Architekt Biagio Rossetti entwarf mit der Addizione Erculea keine gewachsene, sondern eine gedachte Stadt: gerade Achsen, kalkulierte Blickfluchten, Paläste als Eckpunkte – Stadtplanung als Renaissance-Kunstwerk. Die UNESCO erklärte Ferrara dafür 1995 zum Welterbe. Als die Este die Stadt 1598 an den Kirchenstaat verloren, fiel Ferrara in einen langen Dornröschenschlaf – dem die Altstadt ihre heutige Geschlossenheit verdankt.
Heute gehört die Stadt den Radfahrern: Auf den flachen Straßen hinter der neun Kilometer langen Mauer fährt buchstäblich jede Generation Rad, vom Schulkind bis zur Signora mit Einkaufskorb. Man rollt zur Piazza, isst Cappellacci di zucca in einer Trattoria, bricht ein Stück Coppia ferrarese und folgt abends der Via delle Volte unter ihren Bögen. Im Frühjahr zieht der Palio durch die Stadt, der zu den ältesten Italiens zählt, Ende August verwandelt das Buskers Festival die Gassen in eine einzige Bühne – und Giorgio Bassanis Romane über die Finzi-Contini liegen wie ein leiser Schatten über den schönen Gärten.
