Wer durch das Centro Storico von Ferrara spaziert, bewegt sich durch eine der am besten erhaltenen Renaissancestädte Italiens – und das ist keine leere Behauptung, sondern seit 1995 UNESCO-Welterbe. Die breiten, schnurgeraden Straßen des nördlichen Addizione Erculea-Viertels, einst auf Geheiß des Herzogs Ercole I. d'Este angelegt, treffen auf das enge, gewundene mittelalterliche Gassengeflecht südlich des Doms: Hier riecht es nach frisch gebackenem Brot aus den alten Botteghe, Fahrräder klingeln sich durch Gassen, die für Autos zu schmal sind, und an den Backsteinmauern hängen noch die Eisenringe, an denen einst Pferde festgebunden wurden.
Das Castello Estense, der mächtige Vierturmpalast der Este-Herzöge, erhebt sich mitten im Stadtgefüge wie eine steinerne Erinnerung an Macht und Intrige. Wer die Zugbrücke überquert und in die Kellerverliese hinabsteigt, begreift, dass hinter der eleganten Renaissancefassade auch dunklere Geschichten stecken. Wenige Gehminuten entfernt öffnet sich die Piazza della Cattedrale, wo der Dom San Giorgio mit seiner dreistöckigen Loggienfassade aus dem 12. Jahrhundert täglich Besucher und Einheimische gleichermaßen anzieht – nicht als Touristenkulisse, sondern als lebendiger Mittelpunkt des Stadtlebens.
Das Viertel lebt von seinen Widersprüchen: Auf der Via delle Volte, der alten mittelalterlichen Handelsstraße mit ihren charakteristischen Übergangsbögen, drängen sich abends Studenten der Universität Ferrara – einer der ältesten Italiens, gegründet 1391 – neben Rentnern, die auf Plastikstühlen vor ihren Haustüren sitzen. Der Palazzo dei Diamanti, benannt nach den 8.500 Diamantbossen seiner Fassade, beherbergt heute wechselnde Kunstausstellungen von internationalem Rang und ist dabei so selbstverständlich ins Stadtbild eingebettet, dass man ihn fast übersehen könnte, käme man nicht genau zur richtigen Stunde, wenn das spätnachmittägliche Licht die Fassade in Gold taucht.
Für Reisende, die das Centro Storico wirklich kennenlernen wollen, lohnt sich das Radfahren: Ferrara gilt als eine der fahrradfreundlichsten Städte Italiens, und gerade innerhalb der alten Stadtmauern erschließt sich das Viertel am besten auf zwei Rädern. Zwischen Palazzo Schifanoia, dem Sommerpalast der Este mit seinen berühmten Monatsfresko-Zyklen, und dem jüdischen Ghetto rund um die Via Mazzini liegen Welten – und doch nur wenige hundert Meter.

Cattedrale di San Giorgio
Die dem Stadtpatron Georg geweihte Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert prägt mit ihrer dreigeteilten Marmorfassade das Zentrum Ferraras.
Dreigeteilte Marmorfassade mit romanischen und gotischen Elementen