Wer das Quartiere Medievale von Ferrara betritt, tritt in eine andere Zeitrechnung ein. Die Straßen sind schmal genug, dass die Häuserwände auf beiden Seiten fast greifbar nah wirken, und das Kopfsteinpflaster unter den Füßen erzählt von Jahrhunderten, in denen hier Händler, Kleriker und Adlige unterwegs waren. Das Viertel bildet den ältesten Kern der Stadt und ist bis heute das architektonische Gedächtnis Ferraras.
Dominiert wird die Silhouette vom Castello Estense, der mächtigen Wasserburg der Este-Dynastie, deren vier Ecktürme noch heute über die Dächer ragen. Wer früh morgens durch die Via delle Volte schlendert – eine der besterhaltenen mittelalterlichen Straßenzüge Norditaliens mit ihren charakteristischen Übergangsbögen zwischen den Häusern –, erlebt das Viertel in seiner konzentriertesten Form: fast menschenleer, das Licht fällt schräg durch die Bögen, und der Stein riecht nach kühler Nacht. Wenige Schritte weiter öffnet sich die Piazza della Repubblica, wo das städtische Leben seit dem Mittelalter seinen Mittelpunkt hat.
Die Cattedrale di San Giorgio, deren romanisch-gotische Fassade direkt an die Piazza Trento e Trieste grenzt, ist ein weiterer Fixpunkt des Viertels. Ihr Museo della Cattedrale bewahrt Kunstwerke, die sonst kaum jemand kennt – darunter Skulpturen und Reliefs, die die Handwerkskunst des 12. Jahrhunderts greifbar machen. Das Palazzo della Ragione, einst Sitz der städtischen Gerichtsbarkeit, schließt den Platz auf der anderen Seite ab und vervollständigt das Ensemble mittelalterlicher Machtarchitektur.
Abseits der Hauptachsen verstecken sich im Quartiere Medievale kleine Werkstätten, Antiquariate und Trattorien, die sich kaum verändert zu haben scheinen. Abends, wenn die Tagestouristen weiterziehen, gehört das Viertel seinen Bewohnern: An den Tischen vor den Bars der Via Carlo Mayr sitzen Ferraresi jeden Alters, trinken Lambrusco und reden laut. Das ist der Moment, in dem das Quartiere Medievale aufhört, Kulisse zu sein, und wieder Stadt wird.

Palazzo Schifanoia
Der Lustpalast der Este beherbergt mit dem Salone dei Mesi einen der bedeutendsten profanen Freskenzyklen der italienischen Frührenaissance.
Salone dei Mesi mit dem berühmten Monatsfreskenzyklus