Wer durch die Addizione Erculea spaziert, betritt eine der frühesten geplanten Stadterweiterungen Europas. Herzog Ercole I. d'Este beauftragte Ende des 15. Jahrhunderts den Architekten Biagio Rossetti damit, Ferrara nach Norden hin zu verdoppeln – und das Ergebnis ist bis heute im Stadtbild ablesbar. Breite, schnurgerade Achsen wie der Corso Ercole I d'Este durchziehen das Viertel mit einer Klarheit, die selbst moderne Stadtplaner beeindruckt. Kein mittelalterliches Gewirr, kein organisches Wachstum – hier wurde Stadtplanung als Kunst verstanden.
Das Herzstück des Viertels ist der Palazzo dei Diamanti, dessen Fassade aus 8.500 diamantförmig gemeißelten Marmorquadern je nach Tageszeit und Lichteinfall völlig unterschiedlich wirkt. Morgens, wenn das Licht flach über die Steine streicht, scheint die Fassade fast zu leuchten. Heute beherbergt der Palast die Pinacoteca Nazionale, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Emilia-Romagna mit Werken der ferrareser Schule. Wer Zeit mitbringt, sollte auch den Palazzo Prosperi-Sacrati gegenüber in Augenschein nehmen – sein Portal gilt als eines der schönsten Renaissanceportale Italiens.
Die Atmosphäre der Addizione Erculea unterscheidet sich spürbar vom touristisch dichter bespielten Zentrum rund um den Dom. Hier flanieren vor allem Einheimische: Studierende der Universität Ferrara, die in den Seitenstraßen ihre Fahrräder abstellen, ältere Bewohner, die auf den breiten Gehwegen des Corso spazieren, Familien, die am frühen Abend die langen Schatten der Palastfassaden nutzen. Ferrara ist eine Fahrradstadt, und nirgendwo wird das so deutlich wie auf dem Corso Ercole I d'Este.
Nördlich schließt das Viertel an die mächtigen Stadtmauern Ferraras an – eines der besterhaltenen Renaissancebollwerke Italiens. Auf dem begrünten Wall lässt sich herrlich radeln oder spazieren, mit Blicken über die Dächer der Addizione und hinaus in die Po-Ebene. Die Kombination aus urbanem Renaissanceerbe und dieser fast ländlichen Stille auf den Mauern ist charakteristisch für Ferrara und nirgendwo besser erlebbar als hier.

Palazzo dei Diamanti
Der Renaissancepalast mit seiner Fassade aus rund 8.500 diamantförmigen Marmorquadern beherbergt die Pinacoteca Nazionale Ferraras.
Fassade aus rund 8.500 diamantförmigen Marmorquadern