Wer die Fähre oder die kurze Brücke vom Festland überquert, betritt eine andere Zeitzone. Ortigia, die kleine Insel vor der Küste von Syrakus, ist nicht einfach ein Stadtteil – sie ist das Herzstück einer der ältesten Städte der westlichen Welt, gegründet von korinthischen Kolonisten im 8. Jahrhundert vor Christus. Heute leben Jahrtausende Geschichte und sizilianischer Alltag hier auf engstem Raum zusammen, ohne dass das eine das andere verdrängt.
Der erste Eindruck ist akustisch: das Möwengeschrei über dem Hafen, das Klappern von Espressotassen im Caffè Minerva, das gedämpfte Gemurmel auf der Piazza Archimede. Dann öffnet sich die Gasse, und der Dom von Syrakus steht plötzlich vor einem – eine barocke Fassade aus dem 18. Jahrhundert, hinter der sich die Säulen eines griechischen Athena-Tempels aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. verbergen. Nirgendwo sonst wird die Schichtung der Geschichte so körperlich erfahrbar: Man berührt Marmor, der Griechen, Römer, Byzantiner und Normannen überlebt hat.
Die Via della Maestranza ist die eleganteste Straße der Insel, gesäumt von Adelspalazzi mit schmiedeeisernen Balkonen, hinter denen heute Boutiquen, Restaurants und kleine Pensionen residieren. Wer früh aufsteht, erlebt den Mercato di Ortigia an der Via Emanuele De Benedictis in seinem ursprünglichsten Zustand: Fischhändler rufen ihre Fänge aus, Berge von Caponata-Zutaten türmen sich auf Holztischen, und der Geruch von frisch gebackenem Pane di Casa mischt sich mit dem Salz der Meeresluft.
Nach Süden hin öffnet sich die Insel zum Foro Italico, einer langen Uferpromenade mit Blick auf das offene Meer und die Festungsmauern des Castello Maniace, das Friedrich II. im 13. Jahrhundert errichten ließ. Abends, wenn die Tagestouristen die Fähre zurück nehmen, gehört Ortigia seinen Bewohnern und den Gästen, die klug genug waren, hier zu übernachten. Die Trattorien füllen sich, die Gassen leuchten im warmen Licht der Laternen, und an der Fonte Aretusa – dem legendären Süßwasserquell direkt am Meer – sitzen Pärchen und Familien auf den Stufen, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Duomo di Siracusa
Der Dom von Syrakus, im 5. Jahrhundert v. Chr. als Athena-Tempel errichtet und über die Jahrhunderte Kirche, Moschee und Kathedrale – die dorischen Säulen stehen bis heute im Mauerwerk.
Antiker Athena-Tempel aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. als Kern des Doms