Ein geistlicher Kleinstaat am stillen See in dem Legende, Selbstverwaltung und ein gerettetes Gewässer zusammenfinden
Dass Orta anders tickt als der Rest des Piemonts, hat historische Gründe: Jahrhundertelang gehörte das Seeufer als „Riviera di San Giulio“ den Fürstbischöfen von Novara und verwaltete sich unter ihnen weitgehend selbst – ein winziger geistlicher Kleinstaat, dessen Rat im 1582 errichteten Palazzotto auf der Piazza Motta tagte. Die Wappenfresken an dessen Fassade erinnern bis heute daran. Der Legende nach beginnt alles noch früher: Im Jahr 390 soll der heilige Julius auf seinem ausgebreiteten Mantel zur Insel gesegelt sein, um dort – nachdem er sie von Schlangen und Drachen befreit hatte – seine hundertste Kirche zu gründen.
Der Lago d'Orta selbst erzählt eine der erstaunlichsten Umweltgeschichten Italiens. Industrieabwässer hatten den See im 20. Jahrhundert nahezu leblos gemacht; erst eine groß angelegte Kalkung Ende der 1980er-Jahre holte ihn zurück. Heute gilt das Wasser wieder als sauber, man badet am Lido von Orta – und Gianni Rodari, der große Kinderbuchautor aus Omegna am Nordufer, der seinen Roman „C'era due volte il barone Lamberto“ auf der Isola San Giulio spielen ließ, hätte seine Freude an diesem zweiten Leben des Sees.
Der richtige Rhythmus für Orta ist der langsame. Vormittags mit dem Boot zur Insel und den Weg des Schweigens in beide Richtungen gehen, mittags zurück auf die Piazza Motta, über die mittwochs seit Jahrhunderten der Markt zieht. Nachmittags durch Kastanien hinauf zum Sacro Monte, wo zwischen den Kapellen immer wieder der Blick auf See und Insel aufreißt. Und abends, wenn die Tagesausflügler fort sind, gehört der Ort wieder sich selbst – dann sitzt du bei Kerzenlicht in einer Enoteca der Via Bersani oder isst auf einer Terrasse über dem Wasser. travelperfect empfiehlt, mindestens eine Nacht zu bleiben: Orta ist kein Programmpunkt, sondern ein Tempo.
