Wer den Sacro Monte di Orta betritt, wechselt das Tempo. Der Weg beginnt am Rand des mittelalterlichen Städtchens Orta San Giulio und führt durch schattige Kastanienwälder bergauf – vorbei an 20 Kapellen, die sich wie Perlen an einer Schnur durch das Waldgelände ziehen. Jede dieser kleinen Andachtsräume birgt lebensgroße Terrakottafiguren, die Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus von Assisi darstellen. Das Ensemble, 1999 gemeinsam mit anderen norditalienischen Sacri Monti als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet, ist weit mehr als ein religiöser Ort – es ist ein außergewöhnliches Freilichtmuseum der Gegenreformation, eingebettet in eine stille Naturlandschaft.
Die erste Kapelle wurde 1591 errichtet; über Jahrhunderte hinweg entstanden die weiteren Stationen, gestaltet von Bildhauern und Malern aus der lombardischen Kunsttradition. Wer sich Zeit nimmt, entdeckt in den Nischen und hinter den vergitterten Fenstern der Kapellen feine Fresken, sorgsam modellierte Gesichter und Gewänder, die trotz ihres Alters erstaunlich lebendig wirken. Der Rundweg ist gut ausgeschildert und lässt sich in etwa einer Stunde bequem abschreiten – wer jedoch bei jeder Kapelle innehält, liest und beobachtet, plant besser zwei Stunden ein.
Oben auf dem Hügel öffnet sich der Blick über den Ortasee und die Isola San Giulio. An klaren Tagen reicht die Sicht bis zu den Gipfeln des Monte Rosa. Dieser Aussichtspunkt ist der stille Höhepunkt des Besuchs – weniger wegen der Panoramafotografie als wegen der eigentümlichen Ruhe, die sich hier oben einstellt.
Das Franziskanerkloster Santa Maria Assunta, das den Sacro Monte seit Jahrhunderten begleitet, ist heute noch bewohnt und verleiht dem Ort eine lebendige geistliche Atmosphäre. Wer früh morgens oder in der Abenddämmerung kommt, erlebt die Anlage nahezu allein – das weiche Licht durch das Blätterdach der Kastanien, der Geruch nach feuchtem Moos und das gelegentliche Glockenläuten aus dem Tal machen diese Stunden besonders eindrücklich.

Sacro Monte di Orta
UNESCO-Welterbe über Orta San Giulio: ein Heiliger Berg mit zwanzig Kapellen, die das Leben des heiligen Franz von Assisi in Fresken und Terrakottafiguren erzählen.
UNESCO-Welterbe seit 2003