Wer vom Ufer Orta San Giulios auf den See blickt, sieht sie sofort: die Isola San Giulio, kaum größer als ein großzügiges Stadtquartier, aber von einer Dichte an Geschichte und Atmosphäre, die weit größere Orte selten erreichen. Nur wenige Minuten mit dem Ruderboot oder der kleinen Fähre trennen das Festland von dieser Insel, und doch fühlt sich die Überfahrt an wie ein Wechsel in eine andere Zeitzone.
Das Herzstück der Insel ist die Basilica di San Giulio, ein romanisches Gotteshaus aus dem 12. Jahrhundert, das auf einem Fundament aus dem 4. Jahrhundert ruht. Der Legende nach soll der heilige Julius die Insel von Schlangen und Drachen befreit haben, bevor er hier seine Kirche errichtete. Im Inneren beeindruckt ein Ambo aus schwarzem Örtler Marmor – ein Kunstwerk, das selbst geübte Kirchgänger innehalten lässt. Die Krypta bewahrt die Reliquien des Heiligen und taucht Besucher in eine Stille, die sich von der des Außenraums noch einmal unterscheidet.
Um die Basilika herum zieht sich die Via del Silenzio e della Meditazione, ein schmaler Rundweg, den die Benediktinerinnen des Klosters Mater Ecclesiae als Pfad der Stille angelegt haben. Kurze Inschriften auf Schildern laden zum Nachdenken ein – über Worte, Geduld, Zuhören. Das Kloster selbst nimmt den größten Teil der Insel ein, ist nicht öffentlich zugänglich, prägt aber durch seine ockergelben Fassaden das Bild der Insel entscheidend.
Isola San Giulio ist kein Ort zum Ausgehen im üblichen Sinne. Es gibt keine Bars, keine Boutiquen, keinen Lärm. Was es gibt, ist ein kleines Café sowie ein Geschäft, das Produkte der Benediktinerinnen verkauft – Honig, Kräutertees, Liköre und Keramik. Wer früh morgens mit der ersten Fähre überquert, hat die Insel für sich, bevor die Tagesbesucher eintreffen. Dann liegt der Ortasee noch im Dunst, die Gassen zwischen den alten Häusern sind leer, und die Basilika öffnet ihre Türen fast im Stillen.

Basilica di San Giulio
Romanische Basilika auf der Isola San Giulio im Ortasee, berühmt für ihren Ambo aus grünem Serpentinstein und Fresken vom 14. bis 16. Jahrhundert.
Romanische Basilika im Kern aus dem 12. Jahrhundert