Taormina sitzt auf einem Felsbalkon rund 200 Meter über dem Ionischen Meer, und genau diese Lage erklärt, warum die Stadt seit Goethes „Italienischer Reise“ Generationen von Reisenden in ihren Bann zieht. Der Blick reicht von hier über die geschwungene Küste bis hinüber zum Ätna, der an klaren Tagen eine feine Rauchfahne in den Himmel zeichnet – ein lebendiger Vulkan als ständige Kulisse hinter jeder Aussicht.
Herzstück ist das Teatro Antico, ein griechisch-römisches Theater, dessen verwitterte Säulen und Backsteinbögen den Ätna und das Meer wie ein steinernes Bilderrahmen einfassen. Wer hier zur richtigen Tageszeit steht, versteht sofort, warum die antiken Baumeister gerade diesen Ort wählten. Im Sommer wird die Ruine zur Bühne für Konzerte und Filmvorführungen, wenn die Ränge sich füllen und die Akustik die Stimmen über die alten Stufen trägt.
Das Leben der Stadt spielt sich entlang des Corso Umberto ab, der autofreien Hauptachse, die vom Porta Messina zum Porta Catania führt. Hier reihen sich Palazzi, Keramikläden mit handbemalten Tellern, Bars für die berühmte sizilianische Granita und kleine Plätze aneinander. Die Piazza IX Aprile öffnet sich wie eine Loge über dem Meer: ein schwarz-weißes Schachbrettpflaster, die barocke Kirche San Giuseppe und eine Brüstung, an der sich abends alle versammeln, wenn das Licht goldener wird.
Unten in der Bucht liegt die andere Seite Taorminas. Eine Seilbahn bringt Besucher hinab nach Mazzarò, wo die winzige Insel Isola Bella über einen schmalen Kiessteg mit dem Festland verbunden ist und im türkisfarbenen Wasser leuchtet. Bougainvillea klettert über honigfarbenen Stein, Grandhotels mit über hundert Jahren Gästebuch erinnern an D. H. Lawrence und an die Filmcrews, die Taormina als Schauplatz wählten. Aus all dem entsteht eine Stadt, die zugleich antikes Freilichtmuseum, Badeort und mediterrane Bühne ist.