Ein Dorf, gebaut gegen die Schwerkraft aus Fischerei, Wein und einem Bach, der unter der Hauptgasse verschwand
Riomaggiore verdankt seinen Namen dem Rivus Maior, dem Bach, der die Schlucht ins Küstengebirge gegraben hat – heute fließt er überwölbt unter der Via Colombo, der Hauptgasse des Dorfes. Der Überlieferung nach geht die Siedlung auf griechische Flüchtlinge des 8. Jahrhunderts zurück, urkundlich greifbar wird sie im 13. Jahrhundert, als sich die Bewohner der umliegenden Höhenweiler am Meer zusammenschlossen. Aus dieser Zeit stammen Castello und Pfarrkirche – und das Bauprinzip, das Riomaggiore bis heute prägt: Weil in der engen Schlucht kein Platz war, wuchsen die Häuser in die Höhe, drei, vier, fünf Geschosse, jedes mit zwei Eingängen auf verschiedenen Ebenen, falls man vor Piraten fliehen musste.
Die zweite Säule neben dem Fischfang war immer der Wein. In Jahrhunderten Handarbeit haben die Familien des Dorfes die Steilhänge in schmale Terrassen verwandelt, gestützt von Trockenmauern, die sich in den Cinque Terre auf Tausende Kilometer summieren. Auf ihnen wachsen Bosco, Albarola und Vermentino – die Grundlage des salzigen Weißweins der Cinque-Terre-DOC und des Sciacchetrà, eines süßen Passito, dessen Trauben wochenlang auf Gestellen trocknen. Diese Kulturlandschaft, nicht die Postkartenfassaden allein, brachte den Dörfern 1997 den UNESCO-Welterbetitel und 1999 den Nationalpark ein.
Heute lebt Riomaggiore mit einem Paradox: Es gehört zu den meistbesuchten Dörfern Italiens und hat zugleich kaum mehr als anderthalbtausend Einwohner. Die Antwort darauf ist Timing. Wer mit den ersten Zügen kommt oder über Nacht bleibt, hat die Treppengassen, die Mole und den Blick von der Burg fast für sich; tagsüber weicht man auf die Höhenwege zum Santuario di Montenero aus oder aufs Wasser. Und abends, wenn die Lichter der Turmhäuser im Hafenbecken spiegeln und in den Friggitorien die letzten Tüten frittierter Sardellen über die Theke gehen, zeigt das Dorf das Gesicht, für das man gekommen ist.
