Wer Venedig jenseits der großen Touristenströme erleben möchte, findet in San Polo eine der dichtesten und lebendigsten Ecken der ganzen Lagunenstadt. Das Sestiere gehört zu den ältesten überhaupt – die Siedlungsgeschichte reicht bis ins frühe Mittelalter zurück – und trägt diese Vergangenheit in jedem verwitterten Palastfassaden-Detail und jedem gepflasterten Gässchen mit sich.
Der Campo San Polo, der größte Platz Venedigs nach der Piazza San Marco, gibt dem Viertel seinen Rhythmus. Morgens trinken hier Einheimische ihren Espresso vor den kleinen Bars, nachmittags spielen Kinder zwischen den alten Brunnen, und im Sommer verwandelt sich der Platz in eine Open-Air-Kinoleinwand. Das ist kein inszeniertes Stadtbild für Besucher, sondern gelebter venezianischer Alltag.
Ein paar Minuten zu Fuß entfernt beginnt der Rialto-Markt, der seit Jahrhunderten das kommerzielle Herz der Stadt ist. Früh am Morgen, wenn die Fischhändler am Pescheria ihre Auslagen aufbauen und die Gemüsestände am Erberia mit Artischocken, wildem Spargel und Radicchio aus dem Veneto bestückt werden, riecht San Polo nach Salz, frischem Fisch und nassem Stein. Wer um sieben Uhr hier entlangläuft, erlebt eine Stadt, die noch nicht für Touristen aufgewacht ist.
Die Basilica dei Frari – offiziell Santa Maria Gloriosa dei Frari – überragt das Viertel mit ihrer gotischen Backsteinfassade und birgt im Inneren Tizians berühmtes Altarbild der Assunta sowie sein Grabmal. Nur wenige Schritte entfernt befindet sich die Scuola Grande di San Rocco, deren Obergeschoss Tintoretto mit einem der ambitioniertesten Malereizyklen der Weltgeschichte ausgestattet hat – 60 Leinwände, entstanden über mehr als zwei Jahrzehnte.
Die engen Calli zwischen diesen Monumenten sind das eigentliche Versprechen von San Polo: Handwerksbetriebe, die venezianische Masken und Papier herstellen, kleine Osterie, in denen Gondolieri und Handwerker nebeneinander Cichetti essen, und Brücken, die so schmal sind, dass zwei Menschen kaum aneinander vorbeikommen. San Polo ist kein Viertel, das man abhakt – es ist eines, das man durchwandert, immer wieder, und dabei jedes Mal etwas Neues findet.

Rialtobrücke (Ponte di Rialto)
Älteste der vier Brücken über den Canal Grande: die steinerne Rialtobrücke verbindet San Marco und San Polo, ist von Läden gesäumt und frei begehbar.
Älteste der vier Brücken über den Canal Grande