Wer Bergamo wirklich verstehen will, muss hinauffahren. Die Seilbahn, die Funiculare, überwindet in wenigen Minuten den Höhenunterschied zwischen der modernen Unterstadt und der Città Alta – und der Wechsel ist spürbar, sobald sich die Türen öffnen. Plötzlich: Kopfsteinpflaster, enge Gassen, Renaissancepaläste und eine Stille, die es in der Tiefstadt kaum gibt. Die venezianischen Stadtmauern, die die UNESCO 2017 zum Weltkulturerbe erklärte, ziehen sich wie ein steinernes Band um die gesamte Anhöhe und machen die Oberstadt zu einem der besterhaltenen Festungsensembles Norditaliens.
Das Herz der Città Alta schlägt auf der Piazza Vecchia. Der Platz, den Le Corbusier einst als einen der schönsten Europas bezeichnete, wird von der Biblioteca Angelo Mai, dem Palazzo della Ragione und dem Campanone flankiert – jenem mächtigen Glockenturm, der jeden Abend um 22 Uhr 100 Mal läutet, eine Tradition, die an die nächtliche Torschließung aus venezianischer Zeit erinnert. Wenige Schritte weiter öffnet sich die Piazza del Duomo mit dem Dom Santa Maria Maggiore und der Cappella Colleoni, deren Fassade aus polychromem Marmor in der Abendsonne regelrecht leuchtet.
Abseits der Hauptachse Via Gombito und Via Colleoni lohnt sich das Schlendern durch die Seitengassen: die Via Porta Dipinta mit ihren Barockkirchen, der Blick vom Colle di San Vigilio hinunter auf die Poebene, die sich bei klarem Wetter bis zu den Alpen erstreckt. Die Città Alta ist kein Freilichtmuseum, sondern ein lebendiges Viertel – mit Weinbars, die schon nachmittags öffnen, Bäckereien, die Polenta e Osei verkaufen, und Einwohnern, die ihren Alltag zwischen all den Touristen ganz selbstverständlich leben.
Für Übernachtungsgäste bietet die Città Alta ein Erlebnis eigener Art: Morgens, bevor die Tagestouristen ankommen, gehören die Gassen fast ausschließlich den Hotelgästen. Die Stimmung in der frühen Dämmerung, wenn der Nebel noch über der Poebene liegt und das erste Licht die Fassade der Cappella Colleoni streift, ist von einer Qualität, die sich kaum beschreiben lässt.

Piazza Vecchia
Der Hauptplatz der Città Alta, gerahmt vom Palazzo della Ragione, der Biblioteca Angelo Mai und dem Campanone – mit dem Contarini-Brunnen von 1780 in der Mitte.
Einer der schönsten Plätze Italiens, gelobt von Le Corbusier