Wer Sirmione zum ersten Mal betritt, passiert die Scaligero-Burg und tritt in eine andere Zeitrechnung ein. Die Halbinsel, kaum breiter als ein paar Hundert Meter, streckt sich rund vier Kilometer in den Gardasee hinaus – und auf diesem schmalen Streifen Land drängen sich zweitausend Jahre Geschichte, mittelalterliche Gassen, römische Ruinen und ein See, dessen Farbe zwischen Smaragd und tiefem Blau wechselt, je nach Tageszeit und Lichteinfall.
Am frühen Morgen, wenn die Tagestouristen noch nicht eingetroffen sind, gehört Sirmione seinen Bewohnern. Die Fischhändler am Hafen sortieren ihre Ware, in den Bars der Via Vittorio Emanuele dampft der erste Espresso, und die Katzen der Altstadt dösen auf den Mauervorsprüngen der Scaligero-Burg, als hätten sie dort schon immer gesessen. Die Burg selbst, im 13. Jahrhundert von der Scaliger-Dynastie aus Verona erbaut, ragt mit ihren Zinnen direkt aus dem Wasser – ein Anblick, der auch nach dem zwanzigsten Mal nicht selbstverständlich wirkt.
Am nördlichen Ende der Halbinsel öffnet sich das Gelände der Grotte di Catullo, der größten römischen Villenanlage Norditaliens. Hier ließ der Dichter Catull, so die Überlieferung, seinen Landsitz errichten; heute wandert man zwischen Zypressen und Olivenbäumen durch die Ruinen, während der See rechts und links glitzert. Das kleine Museo Archeologico della Città di Desenzano del Garda, das direkt am Eingang des Geländes liegt, gibt dem Fundmaterial einen archäologischen Rahmen.
Zwischen Burg und Ruinen liegt das eigentliche Sirmione: enge Gassen, die sich um Kirchen wie Santa Maria Maggiore winden, kleine Piazze, auf denen abends die Einheimischen zusammenkommen, und am Ufer die Terme di Sirmione – ein Thermalbad, das die schwefelhaltigen Quellen des Sees für Wellness und medizinische Anwendungen nutzt. Wer nach einem langen Spaziergang durch die Altstadt ins warme Thermalwasser gleitet und dabei auf den See schaut, versteht, warum Catull diesen Ort einst als liebsten aller Halbinseln besungen hat.







