Wer Turin wirklich verstehen will, beginnt im Quadrilatero Romano – jenem rechteckigen Straßenraster, das die Römer vor mehr als zweitausend Jahren in den Boden der Stadt einzeichneten. Die Cardo und Decumanus, die beiden Hauptachsen der antiken Kolonie Augusta Taurinorum, sind heute als Via Garibaldi und Via della Consolata noch immer ablesbar. Man läuft also buchstäblich auf den Spuren der Römer, auch wenn die Häuser längst barocke Fassaden tragen und die Erdgeschosse von Weinbars und Delikatessläden belegt sind.
Tags ist das Viertel ein lebendiger Marktplatz. Auf der Piazza della Repubblica, dem größten Freiluftmarkt Europas, drängen sich an jedem Morgen Händler mit Gemüse aus dem Piemont, antikem Hausrat und Secondhand-Kleidung. Wer früh kommt, erlebt das Quadrilatero noch im Halbschlaf: Barkeeper stapeln Stühle, Lieferanten schieben Kisten durch enge Gassen, der Duft von frisch gebackenen Grissini zieht aus einer Bäckerei in der Via della Basilica. Mittags füllen sich die Außentische, die Gassen zwischen Via Bonelli und Via Bligny werden zur Flaniermeile.
Abends verwandelt sich das Viertel vollständig. Die Aperitivo-Kultur, für die Turin stadtbekannt ist, entfaltet sich hier in ihrer ursprünglichsten Form: In den kleinen Bars rund um die Piazza Emanuele Filiberto stehen Schälchen mit Antipasti auf den Tresen, ein Glas Vermouth kostet selten mehr als vier Euro und die Gespräche werden lauter, je weiter die Sonne sinkt. Die Via Corte d'Appello und die angrenzenden Gassen gelten als Epizentrum des Nachtlebens, mit Bars, die bis weit nach Mitternacht geöffnet bleiben.
Architektonisch ist das Quadrilatero Romano ein Palimpsest: Über mittelalterlichen Fundamenten erheben sich barocke Kirchen wie die Consolata mit ihrer markanten Kuppel, dazwischen schiebt sich ein Jugendstilportal oder ein modernes Streetart-Mural. Das Viertel ist weder Museum noch Kulisse, sondern gelebter Alltag – und genau das macht es für Reisende so anziehend, die mehr suchen als postkartenreife Ansichten.

Duomo di Torino
Turins einzige große Renaissancekirche, San Giovanni Battista – Aufbewahrungsort des berühmten Grabtuchs von Turin, neben Porta Palatina.
Turins einzige große Renaissancekirche