Wer Bergamo zum ersten Mal von der Piazza Vecchia aus erblickt, versteht sofort, warum diese Stadt Generationen von Reisenden in ihren Bann gezogen hat. Die venezianischen Stadtmauern, die seit 2017 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, umschließen die Città Alta wie eine steinerne Umarmung – und wer durch das Tor der Porta San Giacomo eintritt, tritt in eine andere Zeitrechnung ein. Kopfsteinpflaster, ockergelbe Palazzi, der Duft von frisch gebackenem Polenta aus einer Trattoria in der Via Colleoni: Die Oberstadt ist kein Freilichtmuseum, sondern ein lebendiger Ort, an dem Bergamasken ihren Espresso an der Bar stehend trinken, bevor sie zur Arbeit eilen.
Das Herzstück der Città Alta ist die Piazza Vecchia mit dem mittelalterlichen Palazzo della Ragione und dem Torre Civica, dessen Glocken noch immer 100 Mal um 22 Uhr läuten – ein Brauch, der an die venezianische Ausgangssperre erinnert. Wenige Schritte entfernt öffnet sich die Piazza del Duomo mit der Cappella Colleoni, einem der bedeutendsten Renaissancebauwerke Norditaliens. Die reich verzierte Fassade aus weißem und rotem Marmor leuchtet in der Nachmittagssonne so intensiv, dass man unwillkürlich stehen bleibt.
Die Seilbahn – die Funicolare – verbindet Ober- und Unterstadt in wenigen Minuten und ist selbst ein kleines Erlebnis. Unten, in der Città Bassa, schlägt das moderne Bergamo: Die Piazza Matteotti und die Via XX Settembre sind Flaniermeilen mit Boutiquen, Cafés und dem Teatro Donizetti, benannt nach dem berühmten Sohn der Stadt, dem Komponisten Gaetano Donizetti. Das Museo Donizettiano in der Oberstadt bewahrt seine Handschriften und Instrumente.
Bergamo ist auch ein Ausgangspunkt für Ausflüge in die Bergamasker Voralpen und an den Lago d'Iseo, der trotz seiner Schönheit weit weniger überlaufen ist als der Comer See. Die Stadt selbst lässt sich in einem langen Wochenende gut erkunden – wer aber tiefer eintauchen will, in die Gassen des Quartiere di Sant'Alessandro, in die lokale Küche mit Casoncelli und Polenta e Osei, und in die ruhige Stimmung der Stadtmauern bei Sonnenuntergang, der braucht mindestens drei Tage.

Piazza Vecchia
Der Hauptplatz der Città Alta, gerahmt vom Palazzo della Ragione, der Biblioteca Angelo Mai und dem Campanone – mit dem Contarini-Brunnen von 1780 in der Mitte.
Einer der schönsten Plätze Italiens, gelobt von Le Corbusier





