Montepulcianos schönstes Bauwerk steht nicht in der Stadt, sondern davor: Unterhalb der Mauern, am Ende einer Zypressenallee, erhebt sich der Tempio di San Biagio frei in der offenen Landschaft des Val di Chiana. Die Wallfahrtskirche wurde 1518 von Antonio da Sangallo dem Älteren begonnen und als Zentralbau über griechischem Kreuz errichtet – ein Grundriss, der unmittelbar von Bramantes nie verwirklichten Ideen für den Petersdom in Rom inspiriert ist. Damit gehört San Biagio zu den reinsten Beispielen der Hochrenaissance-Architektur in der gesamten Toskana. Der Bau spielt mit dem Licht. Der honigfarbene Travertin, aus dem die Kirche errichtet wurde, glüht am späten Nachmittag und in der Abendsonne förmlich von innen heraus. Über der Vierung sitzt eine mächtige Kuppel, flankiert von zwei geplanten Glockentürmen, von denen jedoch nur einer vollendet wurde – ein Detail, das der vollkommen symmetrisch gedachten Anlage eine eigentümliche Spannung gibt. Im Inneren ist der Raum hell, klar gegliedert und auf strenge geometrische Proportionen ausgelegt; der Hauptaltar mit einem verehrten Marienbild markiert das Zentrum, um das sich der gesamte Bau ordnet. Der Weg dorthin gehört zum Erlebnis. Von der Porta al Prato am unteren Stadtrand führt ein Spaziergang bergab über die Via di San Biagio, gesäumt von Zypressen, hinunter zur Kirche – eine der klassischen Postkartenansichten der Südtoskana. Anders als die meisten Sehenswürdigkeiten der Altstadt liegt der Tempel ruhig im Grünen, mit weitem Blick über sanfte Hügel. Der Rückweg bergauf ist anstrengender, lässt sich aber gut mit einer Pause verbinden. Wer das Licht sucht, kommt am späten Nachmittag; Fotografen und Architekturbegeisterte planen den Besuch oft zum Tagesausklang, wenn der Travertin am wärmsten leuchtet und die Allee lange Schatten wirft.
Von der Zypressenallee aus fotografieren, sodass Kirche und Bäume zusammen ins Bild kommen.
