Wer Montepulciano verstehen will, beginnt seinen Gang auf dem Corso. Die Via di Gracciano nel Corso, wie die Straße offiziell heißt, zieht sich vom Stadttor Porta al Prato hinauf durch das Herz der Altstadt und verbindet dabei Jahrhunderte toskanischer Stadtgeschichte zu einem einzigen, langen Erlebnis. Schon die ersten Schritte verraten, womit man es hier zu tun hat: Auf beiden Seiten erheben sich mächtige Renaissancepalazzi, deren Fassaden aus dem charakteristischen Travertinstein gehauen sind und im Nachmittagslicht warm und golden leuchten.
Der Palazzo Avignonesi und der Palazzo Tarugi sind nur zwei der markanten Adelshäuser, an denen man auf dem Weg nach oben vorbeikommt. Zwischen ihnen drängen sich Enoteken, in denen der berühmte Vino Nobile di Montepulciano ausgeschenkt und verkauft wird – oft direkt aus den Kellern der umliegenden Weingüter. Es ist kein Zufall, dass viele Besucher hier ihren ersten Halt einlegen: Ein Glas Nobile, gereicht über eine alte Holztheke, ist der vielleicht ehrlichste Einstieg in diese Stadt.
Der Corso ist keine museale Fußgängerzone, sondern eine gelebte Straße. Morgens tragen Einheimische ihre Einkäufe vom Markt nach Hause, mittags öffnen die Trattorie ihre Türen und am frühen Abend, in der toskanischen Passeggiata-Stunde, füllt sich die Gasse mit Spaziergängern aller Generationen. Diese Alltagsroutine gibt dem Viertel eine Wärme, die sich nicht inszenieren lässt.
Architektonisch setzt der Corso Maßstäbe: Die Kirche Sant'Agostino mit ihrer Fassade von Michelozzo und der mittelalterliche Turm Torre di Pulcinella, der die Stunden mit einer skurrilen Figur schlägt, sind Orientierungspunkte, die man nicht übersehen kann. Weiter oben öffnet sich die Straße zum Blick über die Val di Chiana – ein Panorama, das sich bei klarem Wetter bis zum Trasimeno-See erstreckt.
Für Reisende, die nicht nur Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern eintauchen wollen, ist Il Corso die richtige Adresse. Hier findet man kleine Keramikwerkstätten, Delikatessenläden mit Pecorino und Trüffeln aus der Region sowie Unterkünfte in historischen Gebäuden, die das Schlafen in einem lebendigen Stadtdenkmal ermöglichen.

Museo Civico Pinacoteca Crociani
Im gotischen Palazzo Neri-Orselli zeigt das Stadtmuseum della-Robbia-Terrakotten, sienesische Tafeln und ein Herrenporträt, das Forscher Caravaggio zuschreiben.
Glasierte Terrakotten aus der Werkstatt der della Robbia