Wer Montepulciano kennt, kennt meist nur die steilen Gassen der Altstadt. Doch wer einmal die Via di San Biagio hinunterläuft, betritt eine andere Welt. Schon von weitem zeichnet sich die Silhouette der Tempio di San Biagio gegen den toskanischen Himmel ab – ein freistehendes Renaissancejuwel aus dem 16. Jahrhundert, das Antonio da Sangallo der Ältere in Travertin bauen ließ und das bis heute von keiner Bebauung eingeengt wird. Rings um die Kirche nichts als Zypressen, Olivenhaine und der leise Wind, der durch die Weinberge zieht.
Das Umland von San Biagio ist das eigentliche Herz der Vino Nobile-Produktion. Die sanft geschwungenen Hügel rund um Montepulciano gehören zu den bekanntesten Weinlagen der Toskana, und wer hier spazieren geht, kommt zwangsläufig an Weingütern vorbei, die ihre Pforten für Verkostungen öffnen. Die Cantina Contucci, die Avignonesi-Güter und zahlreiche kleinere Produzenten haben ihre Wurzeln in dieser Landschaft – ein Glas Vino Nobile di Montepulciano direkt am Entstehungsort zu trinken, hat eine ganz andere Qualität als jeder Weinladen in der Stadt.
Das Viertel selbst ist weniger ein Stadtviertel im klassischen Sinne als eine weitläufige Zone zwischen dem historischen Zentrum und dem offenen Land. Agriturismo-Betriebe, kleine Landgasthöfe und Ferienhäuser prägen das Bild. Die Straße hinunter zum Tempio führt an alten Bauernhöfen vorbei, deren Mauern aus demselben gelblichen Sandstein gebaut sind wie die Kirche selbst. Morgens, wenn der Nebel noch in den Tälern liegt, wirkt die gesamte Szenerie wie ein Gemälde aus der Frührenaissance – mit dem Unterschied, dass man mittendrin steht.
Für Reisende, die nicht nur Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern die toskanische Landschaft wirklich erleben wollen, ist San Biagio und sein Umland der ideale Ausgangspunkt. Wanderwege führen durch Weinberge bis hinauf zur Stadtmauer, Fahrradtouren erschließen die umliegenden Ortschaften wie Pienza oder Monticchiello, und die Ruhe, die hier herrscht, ist von einer anderen Qualität als im von Tagestouristen bevölkerten Zentrum.

Tempio di San Biagio
Am Ende einer Zypressenallee unterhalb der Stadt steht der Tempio di San Biagio, ein 1518 von Antonio da Sangallo begonnener Renaissance-Zentralbau aus honigfarbenem Travertin.
Renaissance-Zentralbau über griechischem Kreuz, 1518 von Antonio da Sangallo d. Ä. begonnen