Wer vor dem Dom von Montepulciano steht, erlebt zunächst eine Enttäuschung – und genau das macht ihn besonders. Die Ende des 16. Jahrhunderts errichtete Fassade der Kathedrale Santa Maria Assunta blieb unverkleidet: nackter Backstein, ohne den Marmor, den die Stadt sich nie leisten konnte. Der Campanile daneben stammt sogar noch vom romanischen Vorgängerbau und passt stilistisch nicht zum Rest. Auf der ansonsten geschlossenen Renaissance-Bühne der Piazza Grande wirkt der Dom dadurch fast spröde. Doch der Kontrast ist Programm: Innen wartet einer der bedeutendsten Kunstschätze der Südtoskana. Über dem Hochaltar erhebt sich das monumentale Altartriptychon der Mariä Himmelfahrt, das Taddeo di Bartolo 1401 vollendete. Die goldgrundigen Tafeln füllen den gesamten Chor und gehören zu den großen Werken der sienesischen Schule – ein leuchtendes Mittelalter mitten im Renaissance-Bau. Bevor man dorthin gelangt, lohnt der Blick auf die Fragmente des Grabmals für Bartolomeo Aragazzi, einen humanistischen Sekretär des Papstes Martin V. An diesem Monument arbeitete der Florentiner Bildhauer und Architekt Michelozzo mit, der auch die Fassade des gegenüberliegenden Rathauses prägte; die einzelnen Reliefs sind heute über das Kircheninnere verteilt. Der dreischiffige Innenraum ist hell und nüchtern gehalten, was die Aufmerksamkeit ganz auf die Kunstwerke lenkt. Anders als viele große Kirchen Italiens verlangt der Dom keinen Eintritt – ein stiller, fast demütiger Kontrast zum geschäftigen Treiben auf dem Platz davor, wo sich Weinkeller, Cafés und Palazzi drängen. Ein kurzer Besuch genügt, um die wichtigsten Werke zu sehen; wer sich Zeit nimmt, entdeckt in den Seitenkapellen weitere Spuren der jahrhundertelangen Bautätigkeit. Der Dom bildet zusammen mit dem Palazzo Comunale und den Adelspalästen das Ensemble der Piazza Grande und ist damit fester Bestandteil jedes Rundgangs durch die obere Stadt.
Das Hochaltar-Triptychon bei Tageslicht fotografieren – ohne Blitz, der die Goldgründe überstrahlt.
