Wer Termoli zum ersten Mal besucht, erwartet vielleicht eine dieser gesichtslosen Küstenstädte, die im Sommer von Sonnenschirmen und Eisdielen dominiert werden. Stattdessen trifft man auf etwas Selteneres: eine Stadt mit echtem Charakter. Der Borgo Antico, die mittelalterliche Altstadt auf dem Felsvorsprung über dem Adriatischen Meer, wirkt wie aus der Zeit gefallen. Enge Gassen, weiß getünchte Häuser, Wäscheleinen, die sich zwischen den Fenstern spannen – und am Ende jedes Weges ein unvermittelter Blick aufs Meer.
Das Herzstück der Altstadt ist die Cattedrale di Santa Maria della Purificazione, eine romanische Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert, die auf den Grundmauern einer frühchristlichen Kirche errichtet wurde. Wer durch das Hauptportal tritt, braucht einen Moment, bis sich die Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben – dann erst offenbart sich das Innere mit seinen schlichten Säulen und dem Reliquienschrein des Stadtpatrons San Timoteo. Direkt daneben erhebt sich der Castello Svevo, eine staufische Burg aus dem 13. Jahrhundert, die Federico II. zugeschrieben wird. Von ihren Mauern aus blickt man über den alten Fischerhafen, wo morgens noch immer Boote anlegen und Männer Netze flicken.
Termoli ist keine Stadt, die man abhakt. Sie will erkundet werden: beim Schlendern entlang der Lungomare Cristoforo Colombo, beim Sitzen in einer der kleinen Osterie an der Piazza Duomo, beim Warten auf die Fähre zu den Isole Tremiti, die im Sommer von hier aus erreichbar sind. Die Tremiti-Inseln – San Domino, San Nicola und Capraia – gelten als eines der schönsten Meeresschutzgebiete der Adria und sind von Termoli aus in knapp anderthalb Stunden zu erreichen.
Die Unterstadt, das moderne Termoli, hat ihren eigenen Rhythmus: Märkte, Alltagsleben, Bars, in denen der Espresso mit dem richtigen Druck gezogen wird. Molise, Italiens zweitkleinste Region, ist im Rest des Landes kaum bekannt – was Termoli einen Vorteil verschafft, den viele Küstenstädte längst verloren haben: Authentizität ohne Inszenierung.






