Wer Genua nur mit dem trubeligen Hafen und den engen Gassen der Caruggi kennt, dem eröffnet Nervi eine völlig andere Seite der Stadt. Das Viertel liegt am östlichen Stadtrand, wo die Häuser lichter werden und die Küste in terrassierten Gärten und hellgrauen Felsen aufgeht. Hier hat Genua seinen ruhigsten Atemzug.
Das Herzstück ist die Passeggiata Anita Garibaldi, ein gut zwei Kilometer langer Uferweg, der auf Felsvorsprüngen direkt über dem Meer verläuft. Morgens, wenn der Dunst noch über dem Wasser liegt und die ersten Schwimmer ins Meer steigen, gehört er fast allein den Einheimischen. Nachmittags schlendern Familien, Paare und Rentner entlang der Brüstung, während die Wellen gegen den Fels schlagen. Die Aussicht auf den Golfo Paradiso und bei klarem Wetter bis zu den Bergkuppen des Apennin ist von einer stillen Wucht, die kein Foto ganz einfängt.
Unmittelbar hinter dem Weg öffnen sich die Parchi di Nervi, ein zusammenhängendes Ensemble aus drei historischen Villengärten – dem Park der Villa Grimaldi, dem Park Serra und dem Park Gropallo. Zusammen bilden sie eine der größten öffentlichen Parkflächen Genuas. Rosengärten, jahrhundertealte Palmen und versteckte Skulpturenwege wechseln sich ab. In der Villa Grimaldi Fassio ist heute das Museo Wolfsoniana untergebracht, das angewandte Kunst und Design des frühen 20. Jahrhunderts zeigt – ein Haus, das überrascht.
Nervi war Ende des 19. Jahrhunderts ein bevorzugter Kurort der europäischen Oberschicht. Diese Geschichte liest man noch in der Architektur: Belle-Époque-Villen hinter schmiedeeisernen Zäunen, breite Promenaden, ein kleiner Fischerhafen mit alten Booten. Das Viertel hat sich nie vollständig dem Massentourismus geöffnet, was ihm eine spürbare Eigenständigkeit bewahrt hat. Restaurants und Bars richten sich hier noch an ein lokales Publikum, die Preise sind entsprechend moderat.
Für Reisende, die Genua als Basis für längere Aufenthalte nutzen, ist Nervi eine echte Alternative zur Innenstadt. Mit der S-Bahn ist man in etwa zwanzig Minuten am Hauptbahnhof Principe – und kehrt abends in ein Viertel zurück, das nach Salz und Pinien riecht statt nach Abgasen.

Passeggiata Anita Garibaldi
Genuas schönster Küstenspazierweg in Nervi, rund zwei Kilometer an der Steilküste entlang, frei zugänglich und für alle geeignet.
Genuas schönster Küstenspazierweg in Nervi