Wer durch die engen Gassen des Borgo Mediceo schlendert, bemerkt schnell, dass hier keine touristische Inszenierung stattfindet. Die Steine der Häuser tragen Jahrhunderte in sich – rissig, verwittert, echt. Santo Stefano di Sessanio liegt auf über 1.200 Metern Höhe im Nationalpark Gran Sasso e Monti della Laga, und das Viertel Borgo Mediceo bildet den ältesten, am besten erhaltenen Kern dieser Bergsiedlung in den Abruzzen.
Der Name verweist auf die Medici-Familie, die das Dorf ab dem 15. Jahrhundert als strategischen Handelsposten für die Wollproduktion nutzte. Diese Geschichte ist bis heute in der Architektur ablesbar: Türme, Torbögen und Palazzi, die einst Kaufleuten und Verwaltern gehörten, rahmen die kleinen Plätze ein. Besonders eindrücklich ist der Überrest des Medici-Turms, der über dem Ensemble thront und bei klarem Wetter den Blick bis in die Hochebene des Campo Imperatore freigibt.
Das Viertel ist autofrei, die Gassen so schmal, dass zwei Menschen kaum nebeneinander gehen können. Genau das macht den Unterschied. Statt Reisebusse und Souvenirläden findet man hier restaurierte Steinhäuser, die heute als Boutique-Unterkünfte genutzt werden – allen voran das Sextantio Albergo Diffuso, ein über das gesamte Dorf verteiltes Hotel, das leerstehende Häuser originalgetreu wiederhergestellt hat, ohne sie zu modernisieren. Kamine, Steinböden, grobe Wolldecken: Die Zimmer erzählen von einem Leben, das hier einst stattfand.
Für Reisende, die Stille und Authentizität suchen, ist Borgo Mediceo ein seltener Fund. Die Gastronomie beschränkt sich auf wenige, dafür umso sorgfältigere Lokale, in denen Linsen aus Abruzzo – die berühmten Lenticchie di Santo Stefano – auf der Karte stehen. Diese kleinkörnige, nussige Hülsenfrucht wird auf den Hochfeldern der Umgebung angebaut und gilt als eine der besten Italiens. Abends, wenn die Tagesbesucher abgereist sind, liegt das Viertel in einem Licht, das kaum zu beschreiben ist: die Steinmauern im Schein weniger Laternen, die Stille unterbrochen nur vom Wind aus dem Gebirge.

Torre Medicea
Das zylindrische Wahrzeichen von Santo Stefano, nach dem Erdbeben 2009 originalgetreu wiederaufgebaut.