Eine Stadt, die ihren Stein zum Sprechen brachte vom antiken Lupiae zum Gesamtkunstwerk des barocco leccese
Lecce ist viel älter als sein Barock. Als messapisches und später römisches Lupiae hatte die Stadt bereits ein Theater und ein Amphitheater – Letzteres schlummerte jahrhundertelang unter dem Pflaster und wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Heute sitzt man am Rand der Piazza Sant'Oronzo beim Aperitivo und blickt auf antike Ränge hinab, während ein paar Schritte weiter spanische Festungsarchitektur des 16. Jahrhunderts aufragt: das mächtige Castello Carlo V, das Kaiser Karl V. gegen die Bedrohung durch osmanische Flotten ausbauen ließ.
Sein heutiges Gesicht bekam Lecce im 17. Jahrhundert, als Klöster, Bruderschaften und Adelsfamilien in einen regelrechten Bauwettstreit traten. Möglich machte das die pietra leccese: Der lokale Kalkstein ist frisch gebrochen so weich, dass er sich fast wie Holz schnitzen lässt, und härtet an der Luft zu jenem warmen Honigton aus, der die Stadt bei Abendlicht zum Glühen bringt. Baumeister wie Giuseppe Zimbalo trieben diese Kunst auf die Spitze – seine Fassaden an Santa Croce und am Dom quellen über vor Putten, Früchten, Fabelwesen und Rosetten, ohne je ins Beliebige zu kippen.
Dazu kommt eine zweite, leisere Handwerkstradition: die cartapesta, kunstvoll bemalte Figuren aus Papiermaché, die seit Jahrhunderten in Lecces Werkstätten entstehen und im Museum im Castello gewürdigt werden. Und weil Lecce Universitätsstadt ist, bleibt die Kulisse lebendig: Studenten füllen die Bars rund um Santa Croce, in den Höfen wird Negroamaro ausgeschenkt, und zum Frühstück gehört der Pasticciotto – ein warmes Mürbeteigtörtchen mit Vanillecreme – zum caffè in ghiaccio mit Mandelmilch. Wer mag, ist mit dem Rad in einer guten Stunde am Adriastrand von San Cataldo.
