Wer Matera zum ersten Mal betritt, landet meist auf der Piazza Vittorio Veneto – und blickt von dort hinunter in eine Welt, die vor Jahrtausenden in den Kalkstein gemeißelt wurde. Sasso Barisano liegt zur linken Seite dieser Aussicht und gilt als das zugänglichere, belebtere der beiden historischen Sassi-Viertel. Anders als das wildere Sasso Caveoso öffnet sich Barisano dem Besucher mit einer dichten Abfolge von Treppengassen, restaurierten Fassaden und kleinen Terrassen, von denen aus der Blick über die Gravina-Schlucht schweift.
Das Viertel ist kein Museum, sondern ein lebendiger Stadtraum. Entlang der Via Buozzi und der Via D'Addozio reihen sich Boutique-Hotels in ehemaligen Höhlenwohnungen, sogenannten Sassi-Caves, an Handwerksläden und Restaurants. Wer hier durch die engen Gassen läuft, entdeckt hinter jeder Biegung etwas Neues: eine in den Fels gehauene Kirche, einen verborgenen Innenhof, eine Treppe, die plötzlich auf einem Dach endet, das gleichzeitig der Vorplatz des nächsten Hauses ist. Diese vertikale Architektur, bei der Straße und Dach, Wohnraum und Fels ineinanderfließen, ist das eigentliche Faszinosum des Sasso Barisano.
Kulturell bedeutsam ist vor allem die Chiesa di San Pietro Barisano, die größte Höhlenkirche Materas. Ihr Inneres, in den lebendigen Fels gehauen und über Jahrhunderte durch die Bewohner des Viertels genutzt, erzählt von einem Alltagsglauben, der sich tief in den Stein eingegraben hat. Nicht weit davon entfernt liegt das Musma, das Museum für zeitgenössische Skulptur, das in einem weitläufigen Höhlensystem untergebracht ist und einen unerwarteten Dialog zwischen alter Architektur und moderner Kunst inszeniert.
Abends verändert sich die Stimmung im Sasso Barisano grundlegend. Wenn die Tagesbesucher abgezogen sind und die warme Beleuchtung die Fassaden in goldenes Licht taucht, gehört das Viertel seinen Bewohnern und den Gästen, die hier übernachten. Für alle, die Matera wirklich verstehen wollen, führt kein Weg daran vorbei, mindestens eine Nacht in einem der in den Fels gebauten Hotels zu verbringen – und morgens als Erstes den Blick über die Schlucht auf das gegenüberliegende Sasso Caveoso zu genießen.

San Pietro Barisano
Größte Felskirche Materas mit barocker Fassade und einem Netz unterirdischer Krypten.