Ein Dorf, in den Fels gebaut wo Geografie und Mythos seit jeher dieselbe Sprache sprechen
Der Name verrät die Geschichte: Castrum Medianum, die mittlere Festung, lag im Mittelalter zwischen den befestigten Orten der Basentotal-Schlucht. Schon die Griechen sollen sich hier im 6. Jahrhundert v. Chr. niedergelassen haben; später bauten die Normannen ihre Burg direkt in den Sandsteinkamm – von ihr zeugt heute vor allem die Gradinata Normanna, eine Treppe aus in den Fels geschlagenen Stufen, die schwindelfrei hinauf zur Ruine und zum Wachturm führt. Von oben fällt der Blick über das Dächermeer aus Steinplatten und hinüber zu Pietrapertosa, dem höchstgelegenen Dorf der Basilikata, das sich auf der anderen Talseite an einen noch steileren Felsen klammert.
Rund um das Dorf ragen die Piccole Dolomiti Lucane auf: bizarre Sandsteinnadeln, die Generationen von Bewohnern Namen gegeben haben – Aquila Reale, Civetta, Bocca del Leone. Sie sind kein touristisches Dekor, sondern Teil eines Alltags, in dem die Lucani seit Jahrhunderten Roggen anbauten, Schweine in den Eichenwäldern hüteten und im Winter eingeschneit unter sich blieben. Diese Abgeschiedenheit hat den Ort konserviert: enge Gassen, Außentreppen, niedrige Türen und das tiefe Grau des lokalen Steins prägen ein Dorfbild, das fast unverändert wirkt.
Berühmt wurde Castelmezzano erst spät – durch den Volo dell'Angelo, den „Flug des Engels“, der seit 2007 zwei Stahlseile über die Schlucht spannt und Wagemutige im Liegegurt mit Tempo zwischen den Dörfern hin- und hersausen lässt. Dazu kam der Percorso delle Sette Pietre, ein Erzählweg, der die alten lucanischen Legenden vom „verzauberten“ Volk entlang des Pfades nach Pietrapertosa inszeniert. So treffen in Castelmezzano Adrenalin und Archaik aufeinander – und doch bleibt der Ort ein stilles Bergnest, in dem abends nur das Klappern der Töpfe aus den Steinküchen dringt.
