Wer Castelmezzano wirklich verstehen will, muss hinaufsteigen. Borgo Alto & Castello ist nicht einfach ein Stadtviertel – es ist der Kern, aus dem der gesamte Ort gewachsen ist. Die Gassen hier folgen keinem Rasterplan, sondern dem Willen des Felsens: Sie winden sich zwischen Tuffsteinhäusern hindurch, verschwinden in schmalen Durchgängen und öffnen sich plötzlich auf Aussichtsplattformen, von denen aus man die Dolomiti Lucane in ihrer ganzen dramatischen Gestalt sieht. Wer früh morgens heraufkommt, erlebt, wie der Nebel aus den Schluchten des Basento-Tals aufsteigt und die Felszinnen wie Inseln aus einem weißen Meer ragen lässt.
Die Burgruine, die dem Viertel seinen Namen gibt, stammt aus normannischer Zeit und thront auf dem höchsten Felsvorsprung des Ortes. Von hier aus regierten einst die Normannen über das Agri-Tal; heute bietet der Aufstieg zur Ruine den vollständigsten Blick auf die markanten Felstürme, die Castelmezzano berühmt gemacht haben – darunter die Punta di Crocco und die Rupe di Castelmezzano, die wie natürliche Kathedralen aus dem Gestein brechen. Der Weg hinauf ist steil, manchmal rutschig, immer lohnend.
Das Borgo Alto selbst ist ein lebendiges Freilichtmuseum des süditalienischen Berglebens. Viele Häuser sind aus dem Fels selbst gehauen oder direkt in ihn hineingebaut; manche Türschwellen trennen bewohnten Raum von blankem Kalkstein. Alte Frauen sitzen vor ihren Haustüren, Blumenkästen leuchten gegen den grauen Stein, und gelegentlich hört man das Echo von Schritten, die durch die engen Gassen hallen. Touristen kommen, aber das Viertel hat seinen Charakter als echter Wohnort nicht verloren.
Für Fotografen, Wanderer und alle, die das ursprüngliche Süditalien abseits der großen Küstenorte suchen, ist Borgo Alto & Castello der Mittelpunkt von Castelmezzano. Hier beginnt auch der legendäre Sentiero delle Sette Pietre, der Pfad der sieben Steine, der durch die Felsen führt und das Viertel mit der Nachbarstadt Pietrapertosa verbindet. Abends, wenn die Tagestouristen abgereist sind und das letzte Licht die Felswände in Ocker und Rostrot taucht, gehört das Borgo Alto wieder seinen Bewohnern – und den wenigen Reisenden, die klug genug waren, zu bleiben.

Gradinata Normanna
In den Fels geschlagene normannische Treppe hinauf zur Burgruine über Castelmezzano.