Wer von der Piazza Vittorio Veneto aus den Blick über Matera schweifen lässt, sieht zwei Felskessel, die sich tief in den Kalkstein der Murgia schneiden. Der südlichere davon, der Sasso Caveoso, gilt als der ursprünglichere, wildere Bruder des bekannteren Sasso Barisano. Hier stapeln sich die Sassi – die berühmten Höhlenwohnungen – in einer Dichte, die selbst nach mehreren Besuchen verblüfft: Terrassen werden zu Dächern, Dächer zu Gassen, Gassen zu Treppen, die irgendwo im Nichts enden.
Das Viertel ist kein museales Schaustück, sondern ein lebendiger Organismus. Restaurierte Höhlenwohnungen, sogenannte Lamioni, beherbergen heute Boutique-Hotels und Restaurants, während einzelne Abschnitte noch die raue Textur der Jahrhunderte tragen. An der Via Bruno Buozzi und rund um die Chiesa di Santa Maria de Idris – eine in den Monacone-Felsen gehauene Felsenkirche aus dem 12. Jahrhundert – lässt sich erahnen, wie dicht das religiöse und alltägliche Leben hier einst ineinandergriff. Die Kirche ist von außen kaum als solche erkennbar; erst wenn man durch die niedrige Tür tritt, öffnet sich ein Innenraum mit byzantinischen Fresken, die trotz Jahrhunderten unter Kalkschichten noch leuchten.
Unmittelbar daneben erhebt sich die Chiesa dei Santi Pietro e Paolo, deren barocke Fassade einen merkwürdigen Kontrast zu den archaischen Felsformationen ringsum bildet. Vom kleinen Vorplatz aus fällt der Blick direkt in die Gravina-Schlucht und hinüber zur Murgia Materana, dem Hochplateau gegenüber, auf dem die Höhlenkirchen des Parco della Murgia Materana zu entdecken sind. Dieser Ausblick ist einer der eindrücklichsten des gesamten Mezzogiorno – still, weit und von einer Zeitlosigkeit, die sich schwer in Worte fassen lässt.
Für Architekturfotografen, Kulturreisende und alle, die das Matera jenseits der Postkartenmotive suchen, ist der Sasso Caveoso der eigentliche Kern der Stadt. Die Gassen sind schmaler, die Touristen weniger, die Stimmung am frühen Morgen oder kurz nach Sonnenuntergang – wenn die Straßenlaternen die Fassaden in warmes Ockergelb tauchen – von einer Intensität, die sich einprägt.

Sassi di Matera
Die berühmte Höhlenstadt aus Tuffstein – UNESCO-Welterbe und eine der ältesten bewohnten Siedlungen der Welt.