Zwei Dörfer, ein Tunnel zwischen mittelalterlichen Carruggi und der Sommerfrische von Fegina
Monterosso ist das älteste und größte der fünf Dörfer – und das einzige, das sich den Luxus von Ebene leistet. Der alte Kern duckt sich in die Mündung des Buranco-Tals, ein Gewirr aus Carruggi, Treppen und pastellfarbenen Häuserzeilen hinter dem kleinen Altstadtstrand. Über allem wachen die Reste der mittelalterlichen Verteidigung: Von den dreizehn Türmen, die das Dorf einst gegen Sarazenenüberfälle schützten, stehen noch drei – darunter die Torre Aurora auf der Felsnase San Cristoforo und der Glockenturm von San Giovanni Battista, dessen schwarz-weiß gestreifte Marmorfassade zur schönsten der ligurischen Gotik zählt.
Westlich des Fußgängertunnels beginnt eine andere Zeitrechnung: Fegina, Anfang des 20. Jahrhunderts als Sommerfrische gewachsen, mit Bahnhof, Strandpromenade und Villen im Grünen. Hier verbrachte der spätere Literaturnobelpreisträger Eugenio Montale die Sommer seiner Kindheit; die karge Schönheit dieser Küste durchzieht seinen Gedichtband „Ossi di seppia“. Am Westende des Strands stemmt sich Il Gigante gegen den Fels – eine 14 Meter hohe Neptunfigur von 1910, der Stürme und Krieg die Arme nahmen und die gerade als Torso zum Wahrzeichen wurde.
Kulinarisch ist Monterosso die Speisekammer der Cinque Terre. Aus der Bucht kommen die berühmten Acciughe, die gesalzen, frittiert oder mariniert auf jeder Karte stehen; an den Hängen reifen Zitronen, die das Dorf im Mai mit einem eigenen Fest feiert, und auf den Terrassen des Buranco-Tals wachsen Bosco, Albarola und Vermentino für den salzigen Weißwein der Steillagen – und für den raren Süßwein Sciacchetrà, der hier seit Jahrhunderten gekeltert wird. Wer abends bleibt, wenn die Tagesgäste abgereist sind, erlebt das Dorf, wie es gemeint ist.
