Wer von Alghero aus die Küstenstraße SS291 nach Süden fährt, erlebt eine der dramatischsten Anfahrten Sardiniens: Klippen, die ins Meer stürzen, Macchia-Vegetation, die in der Mittagshitze duftet, und dann, nach einer letzten Kurve, das Panorama von Bosa. Die Stadt liegt im Tal des Temo, des einzigen schiffbaren Flusses Sardiniens, und steigt von seinen Ufern steil zum Castello Malaspina hinauf, dessen Mauern aus dem 12. Jahrhundert das gesamte Stadtbild überragen.
Unten am Fluss reihen sich die alten Gerber- und Färberhäuser des Viertels Sa Piatta aneinander, deren Fassaden in Ocker, Terrakotta und verblassendem Gelb leuchten. Hier wurden jahrhundertelang Tierhäute im Temo-Wasser gewässert; heute sind die ehemaligen Werkstätten zu Cafés und kleinen Galerien geworden, ohne dass die Straßen ihren handwerklichen Charakter verloren hätten. Wer früh morgens durch Sa Piatta geht, bevor die Touristengruppen eintreffen, erlebt die Stadt in ihrer ehrlichsten Form: Fischer, die ihre Boote vom Flussufer ablegen, alte Männer auf Plastikstühlen vor der Bar, der Geruch von frischem Brot aus einer Bäckerei in einer Seitengasse.
Der Aufstieg zum Castello Malaspina lohnt zu jeder Tageszeit, aber am eindrucksvollsten ist er in den frühen Abendstunden, wenn das Licht die Dächer der Altstadt in warmes Orange taucht und der Temo wie flüssiges Kupfer glänzt. In der Burganlage befindet sich die Kirche Nostra Signora de Sos Regnos Altos mit einem bemerkenswerten Freskenzyklus aus dem 14. Jahrhundert, der zu den bedeutendsten mittelalterlichen Malereien Sardiniens zählt. Vom Burgplateau aus schweift der Blick über die gesamte Küstenlinie bis hin zum Strand von Bosa Marina, dem Seebad der Stadt, das etwa vier Kilometer entfernt liegt.
Bosa Marina selbst ist ein eigener Kosmos: eine ruhige Strandpromenade, ein kleiner Hafen mit Fischerbooten und ein heller Sandstrand, der im Sommer von Familien bevölkert wird. Zwischen Stadt und Meer pendelt man entweder mit dem Fahrrad entlang des Flussufers oder mit dem lokalen Miniaturzug, der im Sommer verkehrt. Der Kontrast zwischen dem historischen Stadtkern oben auf dem Hügel und dem entspannten Strandleben unten macht Bosa zu einem Ort, der für ganz unterschiedliche Reisende funktioniert.
Die Kathedrale dell'Immacolata im Stadtzentrum und die Kirche San Pietro Extramuros, eine romanische Basilika aus dem 11. Jahrhundert außerhalb der Stadtmauern, runden das kulturelle Angebot ab. San Pietro gilt als eine der ältesten christlichen Kirchen Sardiniens und liegt in einem Olivenhain am Temo-Ufer, erreichbar in einem kurzen Spaziergang flussaufwärts. Bosa ist keine Stadt, die man in einem halben Tag abgehakt hat. Sie erschließt sich langsam, in Gesprächen und Umwegen.

Castello Malaspina
Das Castello Malaspina aus dem 12. Jahrhundert thront über Bosa und bietet den schönsten Blick über die Pastell-Altstadt, den Temo und das Meer – mit gotischen Fresken in der Burgkapelle.
Burg aus dem 12. Jahrhundert der Familie Malaspina





