Wer Sperlonga zum ersten Mal von der Küstenstraße aus erblickt, versteht sofort, warum dieser Ort seit Jahrhunderten Menschen anzieht: Das Centro Storico klebt wie ein weißer Kristall an der Felskuppe, hoch über dem Tyrrhenischen Meer, und scheint von dort aus die gesamte Küste zwischen Gaeta und Terracina zu bewachen. Was von unten wie eine kompakte Masse wirkt, entpuppt sich beim Betreten als ein verschlungenes Netz aus Vicoli – jenen schmalen Gassen, die so eng sind, dass zwei Passanten sich kaum aneinander vorbeischieben können.
Der Einstieg in die Altstadt führt meist durch das Tor an der Via Ottaviano, von wo aus die Gassen steil nach oben führen. Schon nach wenigen Schritten verliert man die Orientierung – und das ist durchaus gewollt. Wer ziellos durch das Centro Storico wandert, entdeckt plötzlich eine Loggia mit Blick auf den Strand von San Nicola, dann eine kleine Kirche mit barockem Portal, dann einen Hof, in dem Katzen auf sonnenwarmen Treppenstufen dösen. Die Architektur ist kompromisslos weiß: Kalkputz an jedem Haus, blaue oder gelbe Blumenkästen als einzige Farbtupfer, und immer wieder Bögen, die Gassen überspannen und Schatten spenden.
Das Viertel lebt zwei Leben. Im Sommer füllen sich die Terrassen der Restaurants an der Piazza della Repubblica und entlang der Belvedere-Promenade mit Gästen, die den Sonnenuntergang über dem Meer beobachten – ein Schauspiel, das sich jeden Abend wiederholt und doch nie gleichbleibt. Im Herbst und Winter gehört das Centro Storico wieder den Einheimischen: Alte Männer sitzen vor der Chiesa di Santa Maria Assunta, Fischer flicken Netze in den Hauseingängen, und aus den Fenstern dringt der Geruch von frisch gekochter Pasta.
Für Reisende, die mehr suchen als Strand und Sonnenschirm, ist das Centro Storico das eigentliche Herz Sperlongas. Hier findet man kleine Keramikläden, in denen handbemalte Schüsseln und Teller nach altem Handwerk gefertigt werden, sowie Boutiquen mit lokalen Leinen- und Baumwollstoffen. Wer früh aufsteht, erlebt das Viertel in seiner schönsten Stimmung: wenn das Morgenlicht die weißen Fassaden in Goldtöne taucht und die Gassen noch menschenleer sind.

Torre Truglia
Wehrturm von 1532 auf dem letzten Felsen des Altstadtsporns, einst zur Warnung vor Piratenüberfällen – heute Ziel eines der schönsten Spaziergänge des Ortes.
Wehrturm von 1532 auf römischen Fundamenten