Wer von der Autostrada A2 in Richtung Süden fährt und kurz vor der sizilianischen Meerenge den Blick nach links wendet, sieht ihn plötzlich: den Felsvorsprung von Scilla, auf dem sich das Castello Ruffo in den Abendhimmel schiebt. Darunter klebt das Dorf wie ein Farbklecks ans Gestein – ockerfarbene Häuser, ausgeblichene Fensterläden, Fischerboote, die im ruhigen Wasser schaukeln. Das ist kein Kulissendorf für Touristen, sondern ein Ort, der noch immer von der See lebt und das spüren lässt.
Scilla liegt am südlichsten Zipfel Kalabriens, dort wo der Stiefel Italiens seinen Zeh ins Tyrrhenische Meer taucht. Die Meerenge von Messina, die Sizilien vom Festland trennt, ist von der Felsküste aus mit bloßem Auge zu sehen – an klaren Tagen scheinen die Häuser von Messina zum Greifen nah. Dieser Ort trägt einen mythischen Namen: Schon Homer ließ hier seine Skylla hausen, das sechsköpfige Seeungeheuer, das Odysseus' Mannschaft dezimierte. Die Felsen unter dem Castello Ruffo sind dieselben, die antike Seefahrer fürchteten.
Das Herz des alten Scilla schlägt im Viertel Chianalea, das sich zwischen Burgfelsen und Meer in eine schmale Felsspalte zwängt. Die Gassen sind hier kaum breiter als eine ausgestreckte Armspanne. Häuser stehen direkt auf dem Wasser, ihre Fundamente tauchen bei Flut ins Meer, und unter manchen Terrassen liegen die Fischerboote vertäut wie Hauskatzen. Wer Chianalea am frühen Morgen durchwandert, bevor die ersten Tagesgäste eintreffen, erlebt das Viertel in seiner ursprünglichsten Form: Alte Männer flicken Netze, der Geruch von Salz und Diesel liegt in der Luft, und irgendwo brutzelt bereits Frühstücksfisch.
Oberhalb thront das Castello Ruffo, eine normannische Burg, die heute als Leuchtturm dient und von der Küstenwache genutzt wird. Der Aufstieg lohnt sich allein wegen des Blicks über die Meerenge, die kalabrische Küste und – bei gutem Wetter – den Ätna auf Sizilien. Am Fuß des Felsens liegt der Strand Marina Grande, der beliebteste Badestrand des Ortes, mit seinem feinen Sand und dem türkisblauen Wasser, das die Meerenge durch ständige Strömung kühl und klar hält. Wer tauchen möchte, findet in Scilla eines der interessantesten Tauchreviere Süditaliens: Unterwasser-Felsen, Posidonia-Wiesen und gelegentlich Schwertwale und Delfine, die die Straße von Messina als Wanderkorridor nutzen.

Castello Ruffo di Scilla
Die Festung auf dem Felssporn über der Straße von Messina – Wahrzeichen Scillas mit weitem Panorama.





