Wer Pescara nur von der breiten Lungomare kennt, hat noch nicht das eigentliche Gesicht der Stadt gesehen. Pescara Vecchia, der älteste Stadtteil, liegt südlich des Flusses Pescara und gehört zum ehemaligen Gemeindegebiet von Castellammare Adriatico – jenem Teil, der lange ein eigenständiges Städtchen war, bevor beide Ufer 1927 zur heutigen Stadt zusammenwuchsen. Genau diese Eigenständigkeit ist noch heute spürbar: Die Atmosphäre hier ist ruhiger, konzentrierter, und die Menschen, die durch die engen Gassen schlendern, sind meistens keine Touristen.
Das Viertel dreht sich um den Fischmarkt, den Mercato del Pesce, der zu den lebendigsten Adriamärkten der Region zählt. Früh am Morgen, wenn die Fischerboote ihre Netze geleert haben, stapeln sich auf den Auslagen Cozze, Vongole und frisch gefangene Mazzancolle – und der salzige Geruch des Meeres mischt sich mit dem Lärm der Händler. Wer einmal hier war, versteht, warum die Küche Abruzzos am Meer so viel ehrlicher schmeckt als anderswo.
Architektonisch erzählt Pescara Vecchia von einer bewegten Geschichte. Die Casa natale di Gabriele D'Annunzio, das Geburtshaus des berühmtesten Sohns der Stadt, steht heute als Museum offen und gibt Einblick in das Leben des Dichters und Ästheten, der die abruzzesische Identität wie kaum ein anderer geprägt hat. Nicht weit davon entfernt erinnert die Cattedrale di San Cetteo mit ihrer wuchtigen Fassade daran, dass dieser Stadtteil über Jahrhunderte das religiöse Zentrum der Region war.
Abends verwandeln sich die kleinen Plätze und Straßen rund um die Via delle Caserme und die Piazza Garibaldi in informelle Treffpunkte. Lokale Bars öffnen ihre Türen, es riecht nach gegrilltem Fisch und Olivenöl, und die Gespräche sind lauter als tagsüber. Wer ausgehen möchte, ohne in den Touristenstrom der Strandpromenade zu geraten, ist hier genau richtig. Pescara Vecchia ist kein Freilichtmuseum, sondern ein lebendiger Stadtteil – mit echten Bewohnern, echten Problemen und echter Gastfreundschaft.

Museo Casa Natale di Gabriele d'Annunzio
Das Geburtshaus des Dichters Gabriele d'Annunzio im alten Pescara, heute Museum.