Wer zum ersten Mal den Wanderweg von Corniglia her absteigt und plötzlich Vernazza unter sich liegen sieht, versteht sofort, warum dieses Dorf so viele Menschen nicht mehr loslässt. Die pastellfarbenen Häuser drängen sich um den einzigen natürlichen Hafen der Cinque Terre, die Fischerboote schaukeln im türkisfarbenen Wasser, und über allem thront der mittelalterliche Torre Doria, der seit Jahrhunderten das Meer im Blick behält. Kein anderes der fünf Dörfer besitzt diese Kombination aus echtem Hafenleben und historischer Wehrhaftigkeit.
Das Herzstück des Ortes ist die Piazza Marconi, die eigentlich kein Platz im klassischen Sinne ist, sondern das Ende der einzigen Hauptgasse, wo Stein auf Wasser trifft. Hier sitzen Einheimische und Reisende gleichermaßen auf den Stufen der Chiesa di Santa Margherita d'Antiochia, einer romanisch-gotischen Kirche aus dem 14. Jahrhundert mit ihrem charakteristischen achteckigen Glockenturm, der sich direkt aus dem Felsen erhebt. Früh morgens, wenn die Tagestouristen noch nicht mit dem Zug angekommen sind, gehört dieser Ort noch den Fischern und den Katzen, die träge in der ersten Sonne liegen.
Vernazza hat keine breiten Promenaden und keine Hotelkomplexe. Wer hier übernachtet, wohnt in umgebauten Steinhäusern, in Zimmern mit Meerblick über schmale Gassen. Das Dorf lässt sich in wenigen Minuten durchqueren, doch es entfaltet seine eigentliche Qualität erst, wenn man bleibt: wenn man beobachtet, wie die Fischer nachmittags ihre Netze flicken, wie das Licht gegen 19 Uhr die Hausfassaden in Orange taucht und die Terrassen der Restaurants sich füllen. Die Küche ist klar ligurisch – Trofie al Pesto, frischer Fang, Focaccia – und in den besten Lokalen wird sie mit einer Selbstverständlichkeit serviert, die keine Touristenkarte nötig hat.
Der Torre Doria selbst lohnt den kurzen, steilen Aufstieg: Von oben sieht man die gesamte Bucht, die Wanderwege in beide Richtungen und an klaren Tagen bis nach Monterosso. Es ist einer jener Aussichtspunkte, an denen man versteht, dass Ligurien nicht nur eine Küste, sondern eine Landschaft ist, die senkrecht ins Meer fällt.

Chiesa di Santa Margherita di Antiochia
Kirche aus dem Jahr 1318 direkt an der Hafenbucht von Vernazza, im Stil der ligurischen Gotik – mit achteckigem Glockenturm und Zugang über die Rückseite.
Errichtet 1318 direkt am Felsen über der Hafenbucht





