Wer Vernazza wirklich verstehen will, muss die Via Roma verlassen und sich in die Carruggi verirren – jene schmalen, von hohen Häusern gesäumten Gassen, die sich wie ein Labyrinth hinter der Hafenpromenade entfalten. Hier riecht es nach frischem Focaccia aus der Bäckerei um die Ecke, Wäscheleinen spannen sich zwischen ockergelben und terrakottafarbenen Fassaden, und das Licht fällt nur zur Mittagszeit senkrecht auf die Kopfsteinpflaster. Es ist ein Viertel, das seinen Rhythmus selbst bestimmt – unabhängig von den Touristenströmen, die sich auf der Piazza Marconi stauen.
Die Via Roma bildet die Hauptachse des Viertels und verbindet den Bahnhof mit dem Hafen. Entlang dieser Straße reihen sich kleine Läden, Trattorien und Bars aneinander, deren Tische im Sommer bis auf die Gasse hinausrücken. Doch wer nur diese Achse kennt, sieht nur die halbe Wahrheit. Die eigentliche Seele des Viertels verbirgt sich in den Querstraßen: in den Carruggi, wo Einheimische einkaufen, Kinder Fußball spielen und alte Männer auf Stufen sitzen, als hätte die Zeit hier beschlossen, langsamer zu ticken.
Architektonisch erzählen die Häuser von Jahrhunderten ligurischer Bautradition. Viele Gebäude stammen aus dem Mittelalter, ihre Erdgeschosse wurden als Lager für Fischer und Händler genutzt. Heute beherbergen diese Räume Boutiquen für lokales Olivenöl und Pesto, kleine Weinläden mit Sciacchetrà – dem süßen Passito-Wein der Cinque Terre – und Werkstätten, in denen noch echtes Handwerk betrieben wird.
Für Reisende, die mehr suchen als ein Foto vor dem Hafen, ist Via Roma e Carruggi der Ort, an dem Vernazza greifbar wird. Hier findet sich eine überschaubare Auswahl an kleinen Hotels und Pensionen, die nah am Geschehen liegen, ohne im touristischen Trubel zu versinken. Restaurants in den Carruggi servieren Trofie al Pesto und gegrillten Fisch zu Preisen, die fairer sind als direkt an der Hafenmauer. Wer früh aufsteht, erlebt das Viertel in seiner schönsten Stunde: wenn die Gassen noch leer sind, die Bäcker ihre Öfen anheizen und das Licht die Fassaden in warmem Gold erstrahlen lässt.

La Malà
Familiengeführtes Boutique-Gästehaus über dem Hafen von Vernazza mit einer Handvoll Zimmer, modernen Bädern und einer Gemeinschaftsterrasse über Fels und Meer.