Wer die 382 Stufen der Lardarina-Treppe erklimmt oder den Zickzackweg vom Bahnhof hinaufwandert, wird mit einem Panorama belohnt, das die anderen vier Cinque-Terre-Dörfer schlicht nicht bieten können: Corniglia liegt auf einem schmalen Felsrücken etwa 100 Meter über dem Meer, eingeklemmt zwischen Weinbergen und dem weiten Blau des Ligurischen Meeres. Wer oben ankommt, merkt sofort, dass hier ein anderer Rhythmus herrscht.
Das Dorf ist kleiner und ruhiger als Vernazza oder Monterosso, und genau das macht seinen Reiz aus. Die Via Fieschi, die einzige echte Hauptgasse, führt durch ein enges Geflecht aus pastellfarbenen Häusern, Blumentöpfen und schmalen Treppengassen, die man auf eigene Faust erkundet. Am Ende der Gasse öffnet sich die Terrazza Santa Maria – eine schlichte Aussichtsplattform, die einen Blick über die Weinbergterrassen, die Steilküste und bei klarem Wetter bis nach Vernazza und Manarola freigibt. Kein Geländer, kein Eintritt, keine Warteschlange: nur Himmel, Felsen und das Meer tief unten.
Die Kirche San Pietro aus dem 14. Jahrhundert steht fast am Rand des Felsens. Ihre gotische Fassade mit der Fensterrose ist eines der wenigen mittelalterlichen Bauwerke, das in den Cinque Terre noch weitgehend original erhalten ist. Daneben gibt es kaum Touristenfallen – keine Souvenirläden in jedem zweiten Haus, keine lauten Restaurantanwerber. Stattdessen: eine Handvoll echter Bars, ein paar Enoteken und Einheimische, die auf Plastikstühlen vor der Tür sitzen.
Corniglia ist das ideale Dorf für Reisende, die die Cinque Terre abseits des Massentourismus erleben wollen. Wer hier übernachtet, hat die Gassen am frühen Morgen und am späten Abend fast für sich allein. Die Weinberge ringsum produzieren den lokalen Sciacchetrà, einen süßen Passito-Wein, der in den kleinen Bars des Dorfes glasweise ausgeschenkt wird – ein guter Anlass, länger zu bleiben als geplant.

Belvedere di Santa Maria
Aussichtsterrasse am Ende der Via Fieschi in Corniglia, rund 90 Meter über dem Meer, mit freiem Blick über die Cinque-Terre-Küste von Monterosso bis Manarola.
Aussichtsterrasse rund 90 Meter über dem Meer