Vom Fischerkanal zum Badeort ohne dass der eine den anderen je verdrängt hätte
Cesenatico entstand Anfang des 14. Jahrhunderts als Hafen der Binnenstadt Cesena – ein schnurgerader Kanal, in dem die Fischerflotte Schutz vor der offenen Adria fand. Seinen berühmtesten Gast empfing er 1502: Leonardo da Vinci, damals Militäringenieur im Dienst von Cesare Borgia, vermaß den Hafen und hielt ihn in seinen Notizbüchern fest – die Skizze ist bis heute erhalten. Dass Leonardo den Kanal entworfen habe, ist Legende; aber es ist eine Legende, die die Stadt mit sichtbarem Stolz trägt, bis hin zum offiziellen Namen Porto Canale Leonardesco.
Wie eng Cesenatico mit dem Meer verwachsen ist, zeigt das Museo della Marineria: Seine schwimmende Sektion liegt mitten im Kanal, eine kleine Flotte historischer Bragozzi, Trabaccoli und Lancioni, deren Segel in Ocker, Rost und Ziegelrot bemalt sind – einst trugen sie die Zeichen der Fischerfamilien, damit man die Boote schon weit draußen erkannte. Im Advent verwandeln lebensgroße Krippenfiguren auf den Decks die Flotte in das Presepe della Marineria, eines der ungewöhnlichsten Krippenspiele Italiens. Und auf der Piazza delle Conserve erzählen restaurierte Eisgruben, wie der Fang vor der Erfindung des Kühlhauses unter Schichten aus Schnee und Eis haltbar gemacht wurde.
Das zweite Leben begann im späten 19. Jahrhundert, als die ersten Badegäste kamen, und explodierte in den Boomjahren nach dem Krieg: 1958 wuchs direkt hinter dem Strand der Grattacielo in den Himmel, lange eines der höchsten Wohnhäuser der Adriaküste und bis heute Wahrzeichen des Wirtschaftswunder-Tourismus. Am Kanal steht das Geburtshaus des Schriftstellers Marino Moretti, und am Bahnhof erinnert der Spazio Pantani an den größten Sohn der Stadt: Marco Pantani, der 1998 als bislang einer von wenigen Fahrern Giro d'Italia und Tour de France im selben Jahr gewann. Seine Trainingshügel im Hinterland fährt heute jeder nach, der im Mai bei der Granfondo Nove Colli startet.
