Wer Bari jenseits der touristischen Routen erleben möchte, findet in Madonnella einen Stadtteil, der sich noch nicht verbiegen lassen hat. Das Viertel liegt nördlich der Altstadt Bari Vecchia und erstreckt sich entlang der Küstenlinie, wo der Lungomare Nazario Sauro in den Lungomare Imperatore Augusto übergeht. Hier hängen morgens noch Fischernetze zum Trocknen, während wenige Meter weiter die ersten Baristas die Siebträger aufwärmen und der Duft von frisch gebackenem Tarallo durch die Gassen zieht.
Das Straßenbild ist von einer ehrlichen süditalienischen Alltagsarchitektur geprägt: mehrstöckige Wohnhäuser mit Balkonen voller Blumenkästen, kleine Lebensmittelläden, deren Besitzer die Stammkunden beim Vornamen kennen, und Piazzette, auf denen Rentner Karten spielen, während Schulkinder vorbeistürmen. Madonnella ist kein Viertel, das sich inszeniert – es ist einfach da, authentisch und ungefiltert.
Besonders prägend ist die Nähe zum Meer. Der Lungomare ist in Madonnella weniger belebt als im Zentrum, was ihn gerade in den frühen Morgenstunden oder zur blauen Stunde vor Sonnenuntergang zu einem der ruhigeren Spazierwege der Stadt macht. Fischer ziehen ihre Boote auf den felsigen Abschnitten an Land, Jogger drehen ihre Runden, und gelegentlich sieht man Familien, die auf den flachen Felsen sitzen und aufs Meer schauen – kein Sandstrand, aber eine Küstenkulisse mit eigenem Charakter.
Gastronomisch hält das Viertel, was seine Nachbarschaft verspricht: Trattorien ohne Touristenmenü, Pizzerien, in denen die Focaccia barese – dick, ölig, mit frischen Tomaten und Oliven belegt – nach altem Rezept aus dem Steinofen kommt, und kleine Bars, in denen der Espresso so serviert wird, wie er in Apulien sein muss: kurz, heiß, ohne Kompromisse. Die Restaurants in Madonnella setzen auf frischen Fang aus der Adria, oft direkt vom Markt.
Für Reisende, die nicht im Hotelzimmer sitzen, sondern wirklich ankommen wollen, bietet Madonnella eine interessante Alternative zu den zentraleren Stadtteilen. Hotels in Madonnella sind überschaubar in der Anzahl, dafür oft persönlicher geführt als die großen Häuser an der Via Sparano. Die Anbindung an die Altstadt und den Bahnhof Bari Centrale ist gut – zu Fuß sind es wenige Minuten bis zu den Sehenswürdigkeiten rund um die Basilika San Nicola.

Lungomare Nazario Sauro
Eine der längsten städtischen Uferpromenaden Italiens: breite Allee mit weißen Balustraden, 1930er-Jahre-Palazzi und Blick über die offene Adria, vom alten Hafen bis zum Stadtstrand.
Eine der längsten städtischen Uferpromenaden Italiens