Wer Spoleto kennt, kennt die Unterstadt mit dem Dom, die Ponte delle Torri und das Treiben rund um die Piazza della Libertà. Wer Spoleto wirklich versteht, steigt hinauf nach Monteluco. Der bewaldete Hügel südöstlich der Altstadt erhebt sich auf rund 780 Meter und war schon in der Antike ein heiliger Ort: Ein römisches Edikt, das in Stein gemeißelt im Wald erhalten ist, verbot unter Strafe das Fällen der Eichen. Diese Lex sacra aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. ist kein museales Relikt – sie ist der Geist, der den ganzen Berg durchzieht.
Das Herzstück von Monteluco ist das Santuario di San Francesco, ein Franziskanerkloster, das der Heilige Franz von Assisi selbst gegründet haben soll. Die schlichte Anlage liegt am Rand des Waldes, umgeben von jahrhundertealten Steineichen, deren Stämme sich wie Säulen eines natürlichen Kreuzgangs anfühlen. Stille ist hier keine Abwesenheit von Geräusch, sondern eine eigene Qualität – das Rascheln der Blätter, der ferne Ruf eines Vogels, das Läuten der kleinen Glocke. Wer hier sitzt, versteht, warum Eremiten und Mönche diesen Ort über Jahrhunderte aufsuchten.
Der Weg von Spoleto herauf führt entweder zu Fuß über kurvenreiche Waldpfade oder per Auto auf der schmalen Straße, die sich in Serpentinen durch den Lecceto-Wald windet. Oben angekommen öffnet sich der Blick: das Tal von Spoleto, die Silhouette der Apenninen, und an klaren Tagen die Konturen des Monte Subasio. Die wenigen Häuser und Gasthäuser, die sich um den kleinen Dorfkern gruppieren, haben den Charakter eines Ausflugsortes bewahrt, der sich nicht verändert hat – kein Souvenirshop, keine Touristenfalle.
Monteluco ist auch ein Ausgangspunkt für Wanderungen durch den Bosco Sacro, den heiligen Wald, dessen Pfade durch dichtes Unterholz und an kleinen Einsiedeleien vorbeiführen. Wer früh morgens aufbricht, erlebt, wie der Nebel aus dem Tal aufsteigt und die Eichen in ein diffuses Licht taucht – ein Anblick, der sich in keine Postkarte übersetzen lässt. Für Naturliebhaber, Kulturreisende und alle, die dem Trubel Spoletos für ein paar Stunden entfliehen wollen, ist Monteluco eine Entdeckung, die lange nachwirkt.

Ponte delle Torri
Der Ponte delle Torri ist Spoletos berühmtester Anblick: ein gotischer Viadukt aus zehn Spitzbögen, der die Tessino-Schlucht überspannt und die Rocca mit dem Monteluco verbindet.
Rund 230 Meter langer und etwa 80 Meter hoher Viadukt aus zehn gotischen Spitzbögen