Wer Pizzo Calabro besucht, denkt zunächst an das Castello Murat, die Steilküste über dem Tyrrhenischen Meer oder das berühmte Tartufo-Eis. Doch wer ein paar Schritte weiter geht – hinunter zum Strand und an der Felsküste entlang – stößt auf etwas, das sich jeder Kategorisierung entzieht: Piedigrotta, ein Viertel, das buchstäblich im Stein lebt.
Das Herzstück von Piedigrotta ist die gleichnamige Felskapelle, die Chiesa di Piedigrotta, entstanden aus einem jahrhundertealten Gelübde gestrandeter Seeleute. Die ursprüngliche Kapelle wurde im 17. Jahrhundert in eine natürliche Höhle gehauen – als Dank für die Rettung aus einem Seesturm. Was Besucher heute vorfinden, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit des Bildhauers Alfonso Montagna, der ab den 1960er Jahren die umgebenden Tuffsteinfelsen mit einer dichten Welt aus Figuren, Szenen und Symbolen bevölkerte. Christliche Motive stehen neben politischen Porträts, religiöse Andacht neben künstlerischem Eigensinn – eine Atmosphäre, die schwer in Worte zu fassen ist.
Das Licht in den Höhlengängen wechselt je nach Tageszeit dramatisch. Morgens, wenn die ersten Sonnenstrahlen schräg durch die Felsspalten fallen, wirken die Skulpturen fast lebendig. Nachmittags taucht das gedämpfte Licht die Szenen in ein warmes, rötliches Schimmern, das den Tuffstein zum Glühen bringt. Wer die Anlage ohne Menschenmassen erleben möchte, sollte früh kommen – spätestens kurz nach der Öffnung.
Das Viertel rund um die Kapelle ist ruhig und überschaubar. Kleine Wege führen am Felsabhang entlang, von denen aus man das Meer und die Küstenlinie Richtung Tropea überblickt. Die Bebauung ist spärlich, die Atmosphäre entspannt – Piedigrotta ist kein belebtes Ausgehviertel, sondern ein Ort der Kontemplation und des staunenden Schauens. Genau das macht es für Reisende interessant, die abseits der üblichen Touristenpfade etwas Unerwartetes suchen.
Für Kunstinteressierte, Fotografen und alle, die sich für volksreligiöse Kulturen und unkonventionelle Sakralkunst begeistern, ist Piedigrotta ein Pflichtprogramm bei jedem Pizzo-Besuch. Aber auch Familien mit Kindern kommen auf ihre Kosten: Die verschlungenen Höhlengänge, die überraschenden Figuren und die natürliche Kulisse wirken wie eine unterirdische Entdeckungsreise.

Chiesetta di Piedigrotta
In den Tuffstein gehauene Höhlenkirche am Strand, voller Steinfiguren.