Wer Salerno wirklich verstehen will, beginnt im Centro Storico – und am besten früh morgens, wenn die Lichtstreifen der aufgehenden Sonne durch die engen Vicoli fallen und die ersten Baristi ihre Siebträger aufheizen. Hier, zwischen der Via dei Mercanti und dem Largo Campo, schichtet sich Geschichte in Stein: normannische Bögen über byzantinischen Fundamenten, Renaissancepaläste neben barocken Kirchenfassaden. Es ist kein Museum, sondern ein lebendiger Stadtteil, in dem Nonna Carmela ihren Balkon mit Geranien schmückt, während zwei Stockwerke tiefer ein Aperitivo-Lokal seinen ersten Spritz des Tages ausschenkt.
Mittelpunkt und Orientierungsmarke zugleich ist der Dom San Matteo, eine der bedeutendsten normannischen Kathedralen Süditaliens. Gegründet im 11. Jahrhundert unter Robert Guiskard, birgt er das Grab des Apostels Matthäus und einen Kreuzgang, dessen Säulenkapitelle man ruhig eine halbe Stunde lang betrachten kann, ohne alle Details zu erfassen. Unmittelbar davor öffnet sich die Piazza Alfano I., ein Platz, der keine touristische Inszenierung braucht: Schulkinder, Rentner mit Zeitungen, Tauben – das übliche, schöne Durcheinander einer süditalienischen Stadt.
Die Via dei Mercanti, die Hauptschlagader des Viertels, zieht sich als Fußgängerzone durch den Kern des Centro Storico und war bereits im Mittelalter eine wichtige Handelsstraße. Heute reihen sich dort kleine Boutiquen, Goldschmiede und Pasticcerie aneinander. Wer abbiegt – in die Via Duomo, die Via Tasso oder die schmaleren Seitengassen – entdeckt Handwerksbetriebe, Antiquitätenhändler und Trattorie, deren Speisekarten kaum über zehn Gerichte hinausgehen, was meist ein gutes Zeichen ist.
Abends verändert sich der Charakter des Viertels spürbar. Die Studenten der Universität Salerno und der ortsansässigen Kunstakademie beleben die Bars rund um die Piazza Sedile del Campo, Gespräche werden lauter, die Straßen voller. Das Centro Storico ist kein Viertel, das sich für Besucher verbiegt – es ist einfach so, wie es ist, und genau das macht es interessant.

Duomo di Salerno
Normannische Kathedrale San Matteo aus dem 11. Jahrhundert mit Säulenatrium, Bronzetür, mittelalterlichen Mosaik-Ambonen und der Krypta des Stadtpatrons.
Normannische Kathedrale San Matteo aus dem 11. Jahrhundert