Ein Dorf zwischen Grenze, Zitronen und Wissenschaft vom abgeschiedenen Fischernest zum berühmtesten Zitronendorf der Alpen
Limone war jahrhundertelang nur per Boot oder über Saumpfade durch die Berge erreichbar – erst 1932 sprengte die Uferstraße Gardesana Occidentale ihre Tunnel durch den Fels und holte das Dorf aus seiner Abgeschiedenheit. Der Name hat dabei mit Zitronen vermutlich weniger zu tun, als die Postkarten nahelegen: Wahrscheinlicher steckt das lateinische limes darin, die Grenze – hier verlief lange die Scheide zwischen Brescianer Gebiet und dem Fürstbistum Trient, und noch heute endet wenige Kilometer nördlich die Lombardei. Goethe, der 1786 auf dem Weg nach Malcesine an diesem Ufer vorüberfuhr, notierte die terrassenweise angelegten Berggärten voller Zitronenbäume – das Bild, das Limone bis heute prägt.
Denn berühmt wurde das Dorf durch seine Limonaie: terrassierte Zitrusgärten, deren hohe weiße Steinpfeiler im Winter mit Brettern und Glas verschlossen wurden, damit Zitronen, Orangen und Zedratfrüchte die Fröste überstanden. Vom 17. Jahrhundert an reiften hier Zitrusfrüchte so weit nördlich wie kaum irgendwo sonst, verschifft über den See und verkauft bis weit über die Alpen hinaus. Konkurrenz aus dem Süden und Pflanzenkrankheiten beendeten das Geschäft im 19. und frühen 20. Jahrhundert, doch die Pfeilerreihen blieben stehen – die von der Gemeinde restaurierte Limonaia del Castèl zeigt heute, wie dieses fragile Gewerbe funktionierte. Zitronen sind geblieben: als Bäume in Kübeln in den Gassen, als Öl, Likör und Marmelade in den Läden.
Das heutige Limone ist ein Phänomen: kaum mehr als tausend Einwohner, aber an Sommertagen ein Vielfaches an Gästen, die mit Schiffen und Bussen anlanden. Wer bleibt, statt nur durchzulaufen, entdeckt die leisen Seiten – den Porto Vecchio im Morgenlicht, die Kirche San Rocco über den Dächern, Wanderwege ins Valle del Singol hinter dem Ort. Und eine Kuriosität der Medizin: Um 1980 fanden Forscher im Blut einiger Einheimischer ein verändertes Eiweiß, das Apolipoprotein A-1 Milano, das vor Arteriosklerose zu schützen scheint – seither gilt Limone manchen als Dorf des langen Lebens. Seit 2018 schwebt zudem die Ciclopista del Garda in der Felswand nördlich des Ortes und hat Limone ein zweites Wahrzeichen geschenkt.
