Wer von der Fähre aus zum ersten Mal auf Bellagio zufährt, versteht sofort, warum dieser Ort seit Jahrhunderten Reisende anzieht. Die pastellfarbenen Häuserfronten stapeln sich den Hügel hinauf, der Kirchturm von San Giacomo ragt über die Dächer, und dahinter schimmern die schneebedeckten Alpengipfel. Es ist ein Bild, das man kennt – und das trotzdem überrascht, sobald man an der Anlegestelle von Piazza Mazzini an Land geht und in die engen Kopfsteinpflastergassen einbiegt. Bellagio liegt an der Spitze der Halbinsel, die den Comer See in seine beiden südlichen Arme teilt. Diese Lage ist alles andere als zufällig: Sie macht den Ort zum natürlichen Aussichtspunkt über das gesamte Seebecken. Von der Terrasse der Villa Serbelloni, die heute als Luxushotel betrieben wird, schweift der Blick gleichzeitig nach Lecco im Osten und nach Como im Westen – ein Panorama, das selbst an bewölkten Herbsttagen beeindruckt. Wer früh aufsteht, erlebt, wie sich der Morgennebel aus den Tälern hebt und die Berge langsam freigibt: eine Stimmung, für die kein Filter der Welt ausreicht. Die Altstadt selbst ist überschaubar, aber reich an Details. Die Salita Serbelloni und die Salita Mella – die beiden steilen Treppengassen, die das Seeufer mit der oberen Stadt verbinden – sind gesäumt von kleinen Boutiquen, Lederwarengeschäften und Cafés, in denen der Espresso noch zum Stehpreis serviert wird. Hier kauft man Seidenschals aus Comer Produktion, handgefertigte Lederwaren oder lokale Olivenöle, ohne das Gefühl, in einer Touristenfalle gelandet zu sein. Zwischen April und Oktober füllen sich diese Gassen am Vormittag schnell, weshalb ein früher Start den Unterschied macht. Die Gartenanlage der Villa Melzi d'Eril am südlichen Ufer ist eines der unterschätzten Highlights: Azaleen, Rhododendren und jahrhundertealte Platanen rahmen japanische Teiche und neogotische Skulpturen ein. Der Park öffnet sich direkt zum Seeufer und bietet ruhige Sitzplätze fernab der Hauptgassen. Wer noch weiter in die Stille möchte, nimmt den Wanderweg hinauf nach Civenna oder Loppia – kleine Weiler, von denen aus man auf Bellagio hinunterschaut wie auf ein Modell. Abends, wenn die Tagestouristen wieder auf ihren Booten oder Bussen sitzen, kehrt eine eigentümliche Ruhe ein: In den Restaurants an der Piazza della Chiesa bestellen die Einheimischen Risotto al pesce persico, die Lichter spiegeln sich im Wasser, und Bellagio zeigt seine andere, stillere Seite.

Giardini di Villa Melzi
Die Giardini di Villa Melzi am Ufer südlich Bellagios zählen zu den ersten englischen Landschaftsgärten am Comer See, angelegt ab 1808 für Francesco Melzi d'Eril.
Einer der ersten englischen Landschaftsgärten am Comer See, ab 1808 angelegt





