Wer San Gimignano von Norden betritt, kommt unweigerlich durch die Porta San Matteo und findet sich auf einer der eindrucksvollsten Straßen der Toskana wieder. Die Via San Matteo zieht sich als nördliche Hauptachse durch die mittelalterliche Stadtanlage, vorbei an Geschlechtertürmen, romanischen Kirchenfassaden und kleinen Werkstätten, in denen Winzer ihre Vernaccia-Flaschen stapeln und Keramiker handbemalte Schalen in die Schaufenster stellen.
Die Atmosphäre hier unterscheidet sich spürbar von der touristisch dichter befahrenen Via San Giovanni im Süden. Morgens, wenn das Licht schräg durch die engen Gassen fällt und die Ladenbesitzer ihre Holzläden öffnen, gehört die Straße fast noch den Einheimischen. Man passiert die Collegiata di Sant'Agostino, deren schlichte Fassade kaum ahnen lässt, welche Freskenzyklen von Benozzo Gozzoli sich im Inneren verbergen. Wenige Schritte weiter erhebt sich der Torre dei Becci als stummer Zeuge des mittelalterlichen Machtkampfs zwischen den Familiendynastien der Stadt.
Entlang der Via San Matteo reihen sich Enoteken, in denen der Vernaccia di San Gimignano DOCG ausgeschenkt wird, neben Feinkostläden mit toskanischen Trüffelprodukten und kleinen Trattorien, die Ribollita und Cinghiale-Ragù auf der Tafel stehen haben. Wer hier einkehrt, sitzt oft an langen Holztischen neben Pilgern auf dem Fransziskanerweg oder Radfahrern der Via Francigena – denn die Route führt direkt durch dieses Viertel.
Für Architekturinteressierte ist die Straße ein Freilichtmuseum: Palazzo-Fassaden aus dem 13. und 14. Jahrhundert stehen dicht an dicht, manche mit originalen Kragsteinen und Bogenfenstern, die seit Jahrhunderten unverändert sind. Das Viertel rund um die Via San Matteo eignet sich besonders für alle, die San Gimignano jenseits der großen Besucherströme erleben wollen – ruhiger, echter und mit mehr Zeit für die Details, die eine mittelalterliche Stadtanlage wirklich ausmachen.

Chiesa di Sant'Agostino
Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert in San Gimignano mit Benozzo Gozzolis Freskenzyklus über den heiligen Augustinus.
Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert am ruhigen Nordende der Altstadt