Wer Alberobello kennt, kennt meist nur den Rione Monti mit seinen Hunderten von Trulli-Souvenirläden und Cafés. Doch wer die schmale Gasse überquert, die beide Viertel trennt, betritt eine andere Welt: Rione Aia Piccola. Hier stehen rund 400 Trulli, und die meisten davon sind noch immer bewohnt. Keine Schaufenster mit Keramikfiguren, kein Gedränge vor Selfie-Spots – stattdessen hängt Wäsche zwischen den kegelförmigen Steindächern, und ältere Bewohner sitzen auf Stühlen vor ihren Haustüren, als wäre die Zeit irgendwann in den 1960er-Jahren stehengeblieben.
Das Viertel erstreckt sich auf einem sanften Hügel im südöstlichen Teil der Altstadt. Die Gassen sind enger, die Trulli dichter aneinandergerückt, und die Steinmauern tragen die Patina echter Jahrzehnte. Wer durch die Via Brigata Regina oder an der kleinen Piazza del Popolo entlangschlendert, spürt, dass hier kein Museum inszeniert wurde, sondern dass Menschen tatsächlich in diesen runden, weißgetünchten Häusern mit ihren charakteristischen Pinnacoli-Spitzen leben.
Für Fotografen ist Rione Aia Piccola ein Fundort ohne Ablaufdatum: Die Lichtspiele am frühen Morgen, wenn die Sonne die Trullidächer in warmem Gold streift, sind schwer zu übertreffen. Gleichzeitig bietet das Viertel etwas, das im überlaufenen Rione Monti kaum noch zu finden ist – Stille. Selbst in der Hochsaison bleibt es hier ruhiger, weil weniger Reisegruppen hierher geführt werden.
Einige der Trulli in Rione Aia Piccola wurden zu kleinen Unterkünften umgebaut, was die Möglichkeit eröffnet, tatsächlich in einem dieser UNESCO-Welterbe-Gebäude zu schlafen. Das Erlebnis, morgens unter einem Kegelgewölbe aufzuwachen und durch das runde Fenster auf weiße Steinmauern zu blicken, ist etwas grundlegend anderes als ein Hotelzimmer. Wer das sucht, findet hier eine der ungewöhnlichsten Übernachtungsmöglichkeiten Süditaliens.
Gastronomisch ist das Viertel bescheiden bestückt, was seinen Charakter aber eher unterstreicht als schmälert. Die wenigen Lokale, die es gibt, richten sich an Einheimische und Stammgäste, nicht an Touristen mit begrenzter Zeit. Orecchiette, Fave e Cicoria und lokale Primitivo-Weine stehen auf den Karten – bodenständig, ehrlich, gut.

Museo del Territorio Casa Pezzolla
Die größte zusammenhängende Trulli-Gruppe Alberobellos aus 15 ineinander übergehenden Kegelbauten, heute das Museo del Territorio.
Größte zusammenhängende Trulli-Gruppe der Stadt