Wer Lucca wirklich verstehen will, beginnt seinen Streifzug in San Martino & Guinigi. Dieses Viertel im südöstlichen Teil der Altstadt trägt zwei Namen, die zwei Epochen verkörpern: die religiöse Macht des Mittelalters und den weltlichen Stolz einer Kaufmannsdynastie. Zwischen dem Dom San Martino und dem Torre Guinigi spannt sich ein Stadtraum auf, der sich kaum verändert zu haben scheint – enge Gassen aus grauem Pflasterstein, hohe Palastfassaden, Innenhöfe, in die nur wenige Sonnenstrahlen fallen.
Der Dom San Martino, dessen Fassade mit ihren ungleichen Arkadenreihen zu den eigenwilligsten romanischen Bauwerken der Toskana zählt, dominiert den gleichnamigen Platz. Wer früh morgens hierherkommt, erlebt die Kathedrale fast für sich allein – das Licht fällt schräg über das Marmorrelief, und die Stadt erwacht langsam um einen herum. Im Inneren bewahrt der Dom das Volto Santo, ein dunkles Holzkruzifix, das seit dem Mittelalter als Schutzbild Luccas verehrt wird und dem die Stadt jedes Jahr im September eine feierliche Prozession widmet.
Wenige Gehminuten entfernt erhebt sich der Torre Guinigi über die Dächer der Stadt – ein Backsteinturm aus dem 14. Jahrhundert, auf dessen Plattform seit Jahrhunderten Steineichen wurzeln. Wer die enge Wendeltreppe hinaufsteigt, wird mit einem Panorama belohnt, das die gesamte Stadtsilhouette Luccas zeigt: die Türme, die Stadtmauer, die Hügel dahinter. Der Turm gehörte zur Residenz der Guinigi, einer der mächtigsten Familien Luccas, deren Palazzo direkt daneben noch heute beeindruckt.
Das Viertel ist nicht nur für Geschichtsinteressierte ein lohnender Aufenthaltsort. Die Straßen rund um die Via Guinigi und die Piazza San Martino sind von kleinen Trattorie, Weinbars und Handwerksläden gesäumt, in denen man Luccheser Olivenöl, lokale Wurstwaren und toskanische Keramik findet. Abends, wenn die Tagestouristen die Altstadt verlassen, gehören die Gassen fast ausschließlich den Einheimischen und den Gästen, die in einem der kleinen Hotels oder Bed-and-Breakfasts direkt im Viertel übernachten. Dann zeigt San Martino & Guinigi sein ruhigstes und vielleicht schönstes Gesicht.

Torre Guinigi
Mittelalterlicher Geschlechterturm mit einem Hain aus Steineichen auf dem Dach – rund 230 Stufen führen hinauf zum besten Blick über Lucca. Ticket erforderlich.
Einzigartiger Hain aus Steineichen auf dem Turmdach
