Wer Lucca verstehen will, muss früh aufstehen. Wenn die ersten Marktverkäufer ihre Körbe auf der Piazza dell'Anfiteatro aufstellen und das ovale Rund noch im Morgendunst liegt, spürt man, was dieses Viertel so besonders macht: Geschichte, die nicht im Museum eingesperrt ist, sondern täglich benutzt wird. Die elliptische Piazza dell'Anfiteatro ist das sichtbarste Erbe des römischen Amphitheaters, dessen Umrisse sich bis heute in der Bebauung erhalten haben. Mittelalterliche Häuser stehen buchstäblich auf den Fundamenten der antiken Tribünen – eine architektonische Schichtung, die man in Europa kaum ein zweites Mal findet.
Das Viertel rund um die Basilica di San Frediano bildet den nördlichen Gegenpol. Hier ist das Lucca der Einheimischen zu Hause: kleine Handwerksbetriebe, Weinläden mit handgeschriebenen Schildern, Frauen, die auf Fahrrädern zwischen den engen Gassen navigieren. Die Basilika selbst überrascht mit einem Fassadenmosaik aus dem 13. Jahrhundert, das den Erlöser in goldenen Tesserae zeigt – ein Anblick, der besonders im Nachmittagslicht leuchtet. Im Inneren bewahrt sie eine romanische Taufanlage und Reliquien, die Pilger seit Jahrhunderten anziehen.
Zwischen diesen beiden Polen liegt ein Viertel, das seinen Charakter nicht vermarktet, sondern einfach lebt. Die Via Fillungo, Luccas wichtigste Einkaufsstraße, beginnt hier und führt durch eine Abfolge von Boutiquen, Caffè und alten Buchhandlungen. Das Caffè Di Simo mit seinem historischen Interieur aus der Belle Époque ist ein Fixpunkt – nicht als Touristenspot, sondern weil die Luccheser hier seit Generationen ihren Espresso trinken. Abends füllen sich die Trattorien rund um die Piazza dell'Anfiteatro, und wer einen Tisch an der Außenmauer ergattert, sitzt buchstäblich auf dem Rand eines zweitausend Jahre alten Bauwerks.
Für Reisende, die mehr als Sehenswürdigkeiten suchen, ist dieses Doppelviertel der eigentliche Kern Luccas. Hotels in Anfiteatro und San Frediano liegen meist in umgebauten Stadtpalazzi oder Klosterbauten – selten mehr als fünf Gehminuten von der Piazza entfernt. Wer hier übernachtet, wacht auf in einer Stadt, die sich noch nicht vollständig dem Tourismus ergeben hat.
Kasa Fue (CC BY-SA 4.0) · WikimediaPiazza dell'Anfiteatro
Ovaler Platz, der exakt dem Grundriss des römischen Amphitheaters folgt – heute von Cafés gesäumt, betritt man ihn durch vier niedrige Torbögen. Eintritt frei.
Ovaler Platz exakt auf dem Grundriss des römischen Amphitheaters
