Wer Lucca verstehen will, muss auf die Mauern steigen. Le Mura ist nicht einfach ein Stadtviertel im klassischen Sinne – es ist die lebendige Grenzlinie zwischen dem historischen Kern der Stadt und der modernen Welt draußen. Die mächtigen Bastionen und Curtains der Stadtmauer, im 16. und 17. Jahrhundert erbaut, ziehen sich als grünes Band rund vier Kilometer um die Altstadt. Oben auf dem breiten Wehrgang spazieren Einheimische mit Hunden, Kinder fahren Fahrrad, ältere Herren sitzen auf Bänken und schauen über die Baumwipfel der Platanen hinweg auf die Dächer der Stadt.
Das Besondere an Le Mura ist dieser doppelte Blick: Nach innen öffnet sich das Panorama über Kirchtürme, Terrakottadächer und den markanten Torre Guinigi mit seinen Eichen auf der Spitze. Nach außen schweift der Blick über Parks, Gärten und die sanfte Hügellandschaft der Toskana. Diese Aussicht lässt sich zu Fuß, per Fahrrad oder einfach im Sitzen genießen – und sie kostet keinen Cent.
Unterhalb der Mauern, im Übergangsbereich zwischen Stadtwall und den innerstädtischen Gassen, entwickelt sich ein Stadtleben, das vom Tourismus weitgehend unberührt geblieben ist. Kleine Trattorien, Weinbars und Handwerksbetriebe reihen sich an Wohnhäuser. Hier kaufen Lucchesi ihr Gemüse auf dem Markt, hier treffen sich Studenten der Universität an lauen Abenden. Die Piazza San Martino, nahe dem mächtigen Dom San Martino, ist ein solcher Treffpunkt – weniger bekannt als die Piazza Anfiteatro, aber gerade deshalb authentischer.
Für Reisende, die mehr als Postkartenmotive suchen, bietet Le Mura eine seltene Qualität: Entschleunigung ohne Langeweile. Die Mauer selbst ist das Wahrzeichen, das Erlebnis und der Spazierweg zugleich. Wer früh morgens dort oben steht, wenn der Morgennebel über den Wiesen liegt und die Stadt noch schläft, begreift, warum Lucca zu den am besten erhaltenen Renaissancestädten Italiens zählt – und warum Le Mura das Herzstück dieses Erlebnisses ist.
Arne Müseler (CC BY-SA 3.0 de) · WikimediaMura di Lucca
Eine der besterhaltenen Renaissance-Stadtmauern Europas: ein 4,2 km langer, baumbestandener Ring auf elf Bastionen, heute Promenade. Eintritt frei.
Eine der besterhaltenen Renaissance-Stadtmauern Europas
